Als ich ein Kind war, sagte ich immer „wir kommen dann auch“, „wir haben gestern das und das gemacht“, meine Fragen waren „was machen wir morgen“ oder „können wir…“. Was auch immer ich von mir gegeben habe, beinhaltete ein „wir“.

Wir, das waren meine beste Freundin und ich. Und eigentlich waren wir gar kein wir, vielmehr sind wir eine Einheit gewesen. Sie gab es nicht ohne mich und mich gab es nicht ohne sie.

Der ich-Gedanke kommt wieder

Mit der Ausbildung verschwand dieser extreme Gemeinschaftsgedanke. Wenn ich ab diesem Zeitpunkt „wir“ sagte, konnte das jeder sein. Meine Kollegen, meine Eltern, meine Freunde – oder auch nur die anderen Leute in der S-Bahn. Das „wir“ verlor an Bedeutung.

Die Rückkehr des „wir“

Mit den Jahren aber ist das „Wir“ bei vielen meiner Freunde wieder gekommen. Und es war wieder das „wir“ von früher – nur, dass es nicht mehr die beste Freundin ist, die den zweiten Teil des Wirs bildet, sondern es ist der Partner. Ansonsten hat sich für viele aber scheinbar nichts geändert.

Während früher die Jungs wahnsinnig geworden sind, weil es die Mädels nur samt bester Freundin gab, werde ich heute als Freundin wahnsinnig, weil ich kaum eine meiner Freundinnen (zumindest die, die liiert sind) alleine zu Gesicht bekomme. Und noch schlimmer: wenn wir (!) uns tatsächlich einmal allein treffen, werden sämtliche „Wir“ Geschichten ausgepackt. Es scheint einfach kein „Ich“ mehr zu geben.

Wo ist es hin? Warum ist es weg? Wie bekomme ich es wieder?

Mütter – das schlimmste (zumindest aber peinlichste) wir

Noch schlimmer, oder zumindest genauso schlimm, sind die Frauen, die in der „wir“ Form über ihre Kinder sprechen.

Ich habe auch ein Kind. Mein Kind hat Geburtstag, mein Kind hat Zähne bekommen und mein Kind kann allein auf die Toilette gehen. Bei vielen anderen Müttern höre ich nur „wir müssen mal eben Windeln wechseln, denn wir haben Kacki gemacht“. Bitte? Was habt IHR gemacht?

Auch schön: „Wir haben unser erstes Zähnchen bekommen!“ Wirklich? Denn ich habe meine Zähne schon mehr als 2 Jahrzehnte, komisch, dass du mit über 30 deinen ersten Zahn bekommst – zeitgleich mit deinem Baby.

Was ist mit dem ich passiert?

Bin ich egoistisch, nur weil viele meiner Geschichten in der ich-Perspektive erzählt werden? Nicht, weil ich jemand anderes verschweige, sondern weil ich auch einfach Zeit für mich brauche! Gibt es nicht mindestens eine Stunde am Tag nur mich, dann bekomme ich schlechte Laune. Das wiederum ist dann nicht gut für das wir, es kann auch durchaus passieren, dass wir dadurch zickig werden.

Dennoch geht es um das ich. Wenn ich joggen gewesen bin, warum muss ich mich dann mehr rechtfertigen, als wenn wir Zähnchen bekommen haben?

Ich möchte das ich zurück!

Ich, ich ganz alleine, möchte endlich das ich wieder haben. Ich möchte meine Freundinnen anrufen können und auf die Frage „wie geht es dir“ keine „wir“ Antwort bekommen.

Ich möchte meine Freundinnen anrufen können und nach einem Treffen fragen, zu dem es dann nur sie und mich gibt. Ich möchte, dass jeder der individuellen Menschen, die ich kenne, endlich wieder zu sich selbst findet.

Und dann freue ich mich sicher auch wieder über eine wir-Geschichte.