Nachdem die Kinder am gestrigen Abend für Unterhaltung beim Telefonpartner der Mutter gesorgt haben („Gretel, bitte hör auf die Türklinke zu küssen und abzulecken“, „Hänsel, zieh dich bitte wieder an“ und „Könntet ihr eure Köpfe vielleicht aus dem Backofen nehmen?!“ sind nur einige Beispiele) beginnt Tag 11 wie immer:

Der Wecker klingelt um halb sieben in der Früh, pünktlich um sieben Uhr sitzt die müde Mutter, mehr oder weniger motiviert, mit ihrem ersten Kaffee am Rechner und checkt ihre Mails. Nicht zu viel zu tun, das kann ein entspannter Tag werden.

Nur eine Stunde später erwacht das erste Kind zum Leben. Fröhlich befiehlt es seiner Alexa, die Lieblingsgeschichte abzuspielen. Von Gutenmorgen-Grüßen in Richtung Mutter keine Anzeichen, vom versprochenen Kaffee noch viel weniger.

Wenige Augenblicke später gesellt sich auch das Kindergartenkind, ebenfalls ohne die Mutter zu begrüßen, dazu.

Traurig sieht die Mutter in ihre Kaffeetasse. Leer. Schon wieder. Mit dem Laptop auf ihrem Schoß ist es ihr nicht möglich aufzustehen. Sie überlegt, ihren Sohn anzurufen. Mist, geht nicht, sein Handy liegt direkt neben ihr. Unaufgeladen. Also startet sie stattdessen die Alexa-App und sendet den überaus freundlichen Befehl „Hänsel, bring mir Kaaaaaaffeeeeeeee“ auf das Gerät im Kinderzimmer. Die erschrockenen Gesichter beider Kinder sieht sie schon bildhaft vor sich, noch bevor sie aufgeregt ins Wohnzimmer gelaufen kommen. „Maaaamaaaaaaa, du glaubst nicht, was grade passiert ist!“ Sich vor Lachen krümmend tut sich die Mutter schwer, den aufgeregten Kindern zuzuhören.

Während das kleine Mädchen immer noch nicht so ganz versteht, was passiert ist und die Mutter gerne auf den neuesten Stand bringen möchte, verschwindet der Junge mit einem diabolischen Grinsen in der Küche. Wenn der jetzt keine Rache plant, frisst die Mutter einen Besen.

Der Kaffee, den er ihr bringt, ist zu ihrer Überraschung allerdings einwandfrei. Sie ist sehr stolz drauf, dass ihr Sohn offensichtlich erkannt hat, dass er mit dem schwarzen Lebenselixier seiner Mutter besser keine Späße macht.

Nach ein paar wenigen Schlucken ist die Mutter wieder selig und fragt ihre Tochter, ob sie denn bei Gelegenheit mal Lust habe, mit ihrer Freundin zu videochatten. Natürlich hat sie und fordert das auch ein. Jetzt. Sofort. Und weg waren sie, das Mädchen und das Handy. Die Mutter hört nur noch ein Kichern aus dem Kinderzimmer und freudige „Guck mal, Freundin, das haben wir alles gebaut!“-Rufe. Kurze Zeit später fangen die Mädchen das Schimpfen an. Sie haben festgestellt, dass sie beide schon lange nicht mehr im Kindergarten waren und dass das so nicht geht. Nachdem die Freundin dann bald nach dem kollektiven Missmut aufgelegt hat, muss die Mutter ihrer Tochter Rede und Antwort stehen, warum sie schon mindestens hundert Jahre nicht mehr in den Kindergarten gehen durfte. Die Information, dass die Mutter sich das nicht ausgesucht hat, findet nur wenig Anklang. Die Aussage, dass sie noch mindestens dreieinhalb weitere Wochen nicht gehen wird, endet in Bekundungen, wie gemein die Mutter doch sei.

Unterbrochen werden die Bekundungen durch die Forderung nach Würstchen, die die Mutter jetzt machen soll. Auch die Antwort hierauf, dass um halb zehn in der Früh keine Würstl gekocht werden würden und sie jetzt bitte ein bisschen Ruhe zum Arbeiten bräuchte, findet das Mädchen eher nicht so prickelnd. Stattdessen besteht sie darauf, dass die Mutter jetzt gefälligst machen soll, dass es mittags ist und sie ihre Würstl bekommt. Gedankenverloren säuselt die Mutter Dinge wie „wenn ich das könnte, würde ich nicht dafür sorgen, dass es mittags ist, sondern dass es bereits der 20. April ist“ vor sich hin.

Abrupt rausgerissen wird sie aus diesen Gedanken, als das kleine Mädchen, vollkommen unauffällig, versucht, einen Karton, größer als sie selbst, aus der Küche an der Mutter vorbei ins Kinderzimmer zu schmuggeln. Entsetzt, weil die Mutter sich erdreistet zu fragen, was sie denn vorhabe, antwortet sie mit aller Selbstverständlichkeit, dass es ihr reicht und sie sich jetzt ein Flugzeug bastelt. Wo sie damit hinwill, hat sie sich noch nicht überlegt, aber keine Stunde später ist es fertig und wird der Mutter stolz mitten ins Wohnzimmer gestellt. Das Mädchen und ihr Brudi verstehen überhaupt nicht, warum es die Mutter nervt, dass sie zehn Minuten lang Motorengeräusche nachahmend neben ihr sitzen, während sie versucht zu arbeiten.

Beide Kinder verlassen verständnislos das Wohnzimmer, mitsamt Flugzeug. Sie tragen es, weil es einfach nicht fliegen mag, obwohl sie es so schön angemalt haben.

Die Mutter sagt, vermutlich auf Grund der Abgase des soeben neben ihr gestarteten Zweipassagierflugzeugs, völlig vernebelt einer TelKo am Montag um zwölf Uhr zu. Vielleicht sind die Kinder zu dem Zeitpunkt ja irgendwo mit ihrem Flugzeug unterwegs. Wobei das wahrscheinlich nichts bringen wird, denn sehen tut die Mutter die Kinder verhältnismäßig wenig. Hören tut sie sie umso lauter. Und ihre Alexa im Wohnzimmer ist ausgeschaltet, aus Gründen.