Schon bevor sie wirklich wach ist, ist die Mutter genervt. Eine Nachricht des Vaters am frühen Morgen ist nie gut.

Die heutige besagt, dass er seine Tochter abholen wird, noch bevor sie aufgestanden ist. Er hält sich ungern an Absprachen, aber mit dieser Angabe würde er sein Kind eine dreiviertel Stunde früher als vereinbart abholen. Da ist die kleine noch im Tiefschlaf, außerdem ist sie erst ab deutlich später für den Kindergarten gebucht und darf bis dahin nicht in ihrer Gruppe abgegeben werden.

Die Mutter beschließt, künftig morgens keine Nachrichten mehr zu lesen. Ihr Mädchen lässt sie schlafen, dem Vater teilt sie die früheste Abholzeit mit.

Die Situation eskaliert. Genau das, was einer Schädelprellung gut tut. Während der Vater der Mutter erst zahlreiche Anweisungen gibt und diese mit noch zahlreicheren Ausrufezeichen untermauert, reagiert er auf den Hinweis, seine Tochter hätte auch bei ihm nächtigen können, dann jedoch nicht mehr. Treffer versenkt.

Die Mutter ist sauer. Sauer, dass dieser Mensch nach wie vor ihr Leben bestimmen möchte, und sich kein Stück bemüht, seine Kinder im Blick zu haben. Der Inbegriff eines Egoisten. Mindestens.

Tief durchatmen. Nach einigen tiefen Atmenzügen steht die Mutter auf. Sie wäscht sich ihr Gesicht mit kaltem Wasser, bevor sie liebevoll ihre Tochter weckt.

Gestern hat sich Gretel für heute ein Frühstück gewünscht, das bekommt sie nun. Auf dem Schoß der Mutter sitzend mümpfelt die Kleine gut gelaunt ihren Schoko-Toast. Die beiden unterhalten sich, sie kuscheln und sie singen.

Noch bevor der Vater, verspätet zu seiner angepassten Abholzeit, klingelt, ist Gretel startklar. Die frühmorgendliche Auseinandersetzung ist, wie von der Mutter vermutet, beim persönlichen Aufeinandertreffen kein Thema. Vater und Tochter spazieren los.

Die Mutter spaziert ebenfalls, zur Kaffeemaschine. Ein doppelter muss her. Genüsslich trinkt sie diesen auf der Couch. Hänsel schläft noch, so dass lediglich die Vögel und die Geräusche von der Straße zu hören sind. Sie atmet durch.

Einige Zeit und einen weiteren Kaffee später geht es ihr besser. Gerne würde sie eine Runde spazieren gehen, doch schon am Vormittag ist es zu warm. Sie setzt sich auf den Balkon und beschließt, einen Fastentag einzulegen.

Hänsel schleicht sich immer wieder an seine müde Mutter heran. Er kümmert sich rührend um sie, versorgt sie mit Kaffee und Getränken, später wird er noch einkaufen gehen. Außerdem nutzt er die Gelegenheiten, seine Mutter in den Arm zu nehmen, ihr zahlreiche Küsschen zu geben und ihr immer wieder zu versichern, wie sehr er sie liebt. Balsam für die mütterliche Seele!

Nachmittags spielt Gretel bei einer Freundin. Ihr Bruder wartet solange mit dem angekündigten Einkauf, bis es regnet wie aus Kübeln. Die Mutter ist genervt von einer öffentlichen Institution, die ihre quartalsweise Überweisung nicht erhalten haben möchte und nun eine Mahnung schickt. Wie war das mit Zeit anhalten?

Ein Bier muss her. Damit ist dann auch der Fastentag hinüber, aber immerhin schmeckt es. Prioritäten sind wichtig, momentan ist das Bier ihre.

Bettfertig liegen die Kinder unter ihren Decken. An Schlaf wollen sie nicht denken, aber sie lauschen entspannt ihren Geschichten. Auch die Mutter ist nicht müde. Sie hat den Großteil des Nachmittags verschlafen und freut sich auf einen Abend mit attraktiven Herren. Welcher es wird, entscheidet sie spontan.