Als die Mutter aufwacht, ist es bereits spät. Die Nacht war lang, zu spannend die Folgen ihrer neuen Serie, zu ausgeprägt der Wunsch, noch nicht zu schlafen.

Nun also ist es schon fast Mittag. Die Sonne scheint und es sieht so als wäre der Sommer zurückgekehrt.

Ein erwartungsvoller Blick auf ihr Handy zieht eine kleine, aber dennoch bemerkbare Geste der Enttäuschung nach sich. Von den Kindern ist keine Nachricht eingegangen.

Stattdessen ist nun auch der letzte Termin, der Normalität in dieses Jahr gebracht hätte, verschoben. Schade. Und zeitgleich hatte sie auch dieses Konzert gedanklich schon lang nicht mehr in diesem Jahr stattfinden lassen. Jetzt aber ist es offiziell.

Die Mutter steht auf und lässt sich von ihrem liebsten unbeweglichen Mitbewohner einen Kaffee zubereiten. Mit diesem steuert sie auf den Balkon zu.

Es sieht wärmer aus als es ist. Sie überlegt, was sie heute tun könnte.
Ihr Fahrrad steht noch bei ihren Eltern, dort wäre sowieso etwas zu erledigen.
Das neue Buch ist noch nicht ansatzweise zu Ende gelesen, auch hiermit könnte sie Stunden verbringen.
Auch ihr zu schreibendes Buch könnte ein paar Stunden intensive Arbeit vertragen.

Das Telefon klingelt. Ein netter junger Herr möchte wissen, ob sie das Gespräch, das sie vor einiger Zeit führten, überdacht hat. Freundlich bringt sie ihn auf den aktuellen Stand und legt wieder auf.

Wut steigt in ihr auf. Diese entlädt sie in einer sehr bestimmten Ansage an ihren Ex, dem sie dieses Gespräch überhaupt nur zu verdanken hat. Mit einer Deadline, ihr die benötigte Unterstützung in Bezug auf die gemeinsamen Kinder zuzusagen, stellt sie ihre Forderung.

Hoffnung, dass er diese Unterstützung freiwillig zusagen wird, hat sie keine. Zu sehr ist er mit sich selbst beschäftigt, zu gering ist sein Interesse am Leben seiner Kinder, zu sehr ist er in dem Gedanken gefangen, dass die Betreuung seiner Kinder ein Gefallen für seine Ex-Frau ist. Sie informiert sich über Alternativen zur freiwilligen Zustimmung.

Anschließend geht sie duschen. Frisch macht sie sich auf den Weg zu ihrem Fahrrad. Sie wird eine kleine Runde fahren und sich dann wieder auf den Heimweg machen. Nach Gesellschaft ist ihr im Moment nicht.

Gedacht, getan. Sie spaziert los, schaltet unterwegs ihr Hörbuch ein und muss schmunzeln. Der Ratgeber erzählt ihr viele Dinge, die sie bereits seit längerem intuitiv genauso handhabt. Zufrieden lächelt sie.

Nach erledigter Aufgabe nimmt sie Helm – sie hat ihren Kindern versprochen, nur noch mit Helm zu fahren – und Fahrrad. Ihre Kondition wird auf die Probe gestellt. Und versagt. Nach acht Kilometern über die Felder der Stadt beginnt außerdem das Knie zu schmerzen. Froh, als sie bald darauf zu Hause ankommt, setzt sie sich auf den Balkon.

Das Wetter ist komisch. Die Mutter fühlt sich komisch. Nach Gesellschaft ist ihr nicht. Sie nimmt ihre Sachen, bereitet sich einen Dunch – einen Mix aus Dinner und Lunch – vor und begibt sich damit auf die Couch. Sie taucht in die Intrigen und kriminellen Machenschaften eines kleines amerikanischen Dorfes ein und lässt auch an diesem Tag die Welt draußen.