Der Tag endet mit einem Gespräch zwischen Mutter und Tochter:
„Gretel, ich war heute wirklich eine blöde Mutter. So genervt und ihr habt es abbekommen. Es tut mir sehr leid. Ich kann mich heute selbst nicht leiden, aber ich verspreche dir, dass es morgen wieder besser sein wird.“

Ein entsetzter Blick trifft die Mutter. „Mami, so ein Quatsch! Du bist immer die beste Mami auf der ganzen weiten Welt. Ich liebe dich.“ Tränen schießen der Mutter in die Augen. So ein tolles Mädchen.

Rückblende:
Der Wecker klingelt. Es wird langsam hell draußen, die Mutter muss aufstehen. Noch halb schlafend schleicht sie zur Kaffeemaschine, in der Hoffnung, dass das schwarze Gold sie ein wenig wach machen wird. Mit dem Schatz in der Hand geht sie zum Laptop. Erst einmal einhundertachtundvierzig geschäftliche Mails checken. Alles wichtig, alles am besten gestern schon erledigt. Telko-Anfrage für halb zehn. Blödeste Zeit des Tages, ist dem Anfragenden aber egal. (Spoiler: Technik versagt um halb zehn, Meeting auf elf Uhr verschoben. Karma.)

Ähnlich geht der gesamte Arbeitstag weiter. Eine blöde Nachricht nach der anderen. Ein Meeting nach dem anderen. Aber immerhin ist Hänsel inzwischen wach und versorgt seine Mutter mit Kaffee. Viel Kaffee.

Als auch Gretel endlich aus ihrem Dornröschen-Schlaf erwacht, kümmert auch sie sich rührend um die sichtlich gestresste Mutter. „Hänsel! Bruuuuudiiiii, die Mami hat kein Kaffee mehr, mach ihr einen!“

Ach ja, aus ihr wird eine wunderbare Diktatorin.

Während die Mutter immer gestresster wird, versuchen die Kinder sich bestmöglich von der schlechten Laune abzulenken. Sie essen den Kühlschrank leer, laufen dafür immer wieder lautstark an der Mutter vorbei, bauen den Flur zu einer Höhle um und hören auf Maximallautstärke abwechselnd Teufelskicker, Grundschulhelden und Bibi Blocksberg.

Irgendwann hat selbst Alexa keine Lust mehr und tut nicht, was sie soll. „Alexa, bist du eigentlich bescheuert?“ – Ooops, wo hat das kleine süße Mädchen denn diese Wortwahl her? Sicher nicht von der Mutter!

Alexa nimmt den Erziehungsauftrag allerdings sehr ernst und antwortet prompt: „Das war nicht sehr nett von dir.“ Die Reaktion der Mutter wäre vermutlich anders ausgefallen.

Nach einem viel zu langen Arbeitstag ziehen sich alle drei nachmittags um halb vier endlich an. Es wird jetzt geradelt.

Das Mädchen fährt Mindestgeschwindigkeit, der Junge testet die Geduld seiner Mutter beim unachtsamen Schalten. Auf kürzester Strecke darf die Mutter so ihre Kenntnisse im Fahrradkette wieder einfädeln optimieren. So eine erholsame Radltour!

Auf dem Rückweg trennen sich die Wege. Hänsel fährt allein heim, Schulsachen erledigen. So lautet zumindest die offizielle Aussage.
Die Mädels fahren einkaufen. Das kleine Mädchen wünscht sich Äpfel und Bananen, das große Mädchen entscheidet sich für Sekt und Bier. Alles andere muss warten, Prioritäten sind wichtig.

Mitleidig schaut der Verkäufer die gestresste Frau an, als sie mit dem tausend Fragen stellenden Mädchen zur Kasse kommt. Insgeheim fragt er sich bestimmt, ob sie nicht lesen kann und nicht weiß, dass sie rein alkoholfrei gekauft hat oder was ansonsten nicht mit ihr stimmt. Mutig wünscht er ihr zur Verabschiedung noch einen schönen Abend.

Daheim angekommen hat Hänsel natürlich keine Aufgaben gemacht. Aber er hat eine E-Mail von seiner Lehrerin bekommen. Sie geht davon aus, dass er bereits alle Aufgaben gemacht hat und nennt ihm die Zugangsdaten für eine App, in der er weitere Übungen finden kann.
Zum ersten Mal an diesem Tag lacht die Mutter herzhaft. Und zwingt die Kinder, Abendessen vorzubereiten, während sie selbst noch ein weiteres Telefonat absolvieren muss.

Gleich ist Schlafenszeit. Noch zwei Folgen ihrer Serie warten auf sie. Der bestellte Fernseher ist auch heute nicht geliefert worden. Sekt und Bier sind kaltgestellt.