Mit einem erschrockenen Blick auf die Uhr schaltet die Mutter nach dem ersten Klingeln den Wecker aus. Das gab es schon ewig nicht mehr. Allerdings ist es auch späteste Aufstehzeit für Hänsel und dessen Wecker ist, nun ja, sie.

Der Junge ist weniger enthusiastisch. Mit einer pubertären Ruhe erhebt sich der müde Körper langsam aus der Höhle der Nachtruhe, um seiner Mutter trotzig ein „Was willst du denn, ich bin doch schon längst aufgestanden!“ zuzurufen.

Die Mutter sitzt indes auf der Couch. Ohne Kaffee, da die Maschine viel zu weit weg steht. Und Hänsel nicht gewillt ist, Knöpfchen zu drücken.

Gretel schläft.

Wie gerne die Mutter in diesem Augenblick mit dem Mädchen tauschen würde, ist nur zu erahnen. Stattdessen aber muss sie, im Schlafanzug, Hänsel auf der Straße hinterhersprinten.

Der steht am Treffpunkt und wartet auf seinen Freund. Doch dieser wird nicht kommen. Da Hänsel die Gebrauchsanweisung seines Mobiltelefons ignoriert, ist er darüber nicht zu erreichen.

So stolpert die Mutter die Treppen hinunter, trifft dabei auf eine irritierte Nachbarin und informiert letztendlich ihr Kind, dass es alleine – und doch bitte sehr vorsichtig – durch den dichten Nebel fahren soll.

Zurück in der Wohnung schlüpft sie schnell unter die Decke. Erneut so weit weg von der Kaffeemaschine.

Als Gretel später wach ist, stellt sie fest, dass sie schlechte Laune hat. Sie möchte so gerne in den Kindergarten gehen und ist traurig, dass sie noch nicht wieder darf. Die Mutter drückt ihr kleines Mädchen fest an sich.

Die beiden nutzen das schöne Wetter und radeln eine kleine Runde, als die Mutter merkt, dass ihr Kreislauf wegbricht. Noch bevor sie reagieren kann, liegt sie – samt Fahrrad – am Boden. Gretel starrt sie erschrocken an.

Bis auf ein großflächiges Hämatom am Oberschenkel ist alles okay. Schätzungsweise. Denn ihr Kopf verzeiht ihr die erneute schlagartige Nähe zum Boden nicht so schnell.

Sie schiebt nach Hause und Gretel unterstützt ihre Mutter, indem sie daheim den soeben besorgten Einkauf im Kühlschrank verstaut.

Anschließend steht ein Business Call auf der Tagesordnung. Währenddessen darf Gretel einen Film schauen. Das Mädchen liebt diese Donnerstag-Nachmittage.

Kurz vor Ladenschluss, zumindest dachte die Mutter so, fällt Hänsel ein, dass er sein Arbeitsheft heute abholen kann. Das Heft, das seit zwei Wochen aktiv im Unterricht genutzt wird. Mutter und Sohn stapfen los. Um dann vor verschlossener Tür zu stehen, da die Buchhandlung doch früher schließt.

Also geht es wieder zurück.

Sie machen Quatsch und Hänsel zeigt seine neuesten Tricks mit dem Roller. Die beiden genießen diese Minuten ganz alleine miteinander. Das verraten sie aber keinem.

Wieder daheim tut er so, als würde er seine Mutter nicht kennen. Das ist in Ordnung, denn sie weiß, dass er sie liebt. Und sie ihn sowieso.