Die Kinder sind bereits in ihren Einrichtungen, als die Mutter sich mit ihrem zweiten Kaffee an den Frühstückstisch setzt. Ihr vorangegangener Blick in die Küche ließ sie erschaudern. Der gestrige Einkauf steht noch auf der Arbeitspltte, das schmutzige Geschirr der letzten Tage stapelt sich und die Kinder haben sowohl Abendessen- als auch Frühstückszubehör einfach dort stehen und liegen lassen, wo sie es benutzt haben.

Sehnsüchtig blickt die Mutter zum Kalender. Noch zweimal schlafen, dann soll die Spülmaschine geliefert werden. Noch zweimal schlafen, bis die Küche soweit aufgeräumt sein muss, dass die Monteure die neue Maschine anschließen und die alte mitnehmen können. Und weil die Mutter Drama liebt, hat sie gleich noch eine Frist für die Kinder mit drangehängt, dass auch deren Zimmer aufgeräumt sein müssen.

Warum gleich hatte sie das getan? Ach ja, Selbstfolter. Denn keines der beiden Zimmer ist annähernd so aufgeräumt, dass der Fußboden vernünftig gesäubert werden kann. Aber sie haben ja noch Zeit, zweimal schlafen.

Nachmittags beeilt sich die Mutter, ihre Tochter wie versprochen früher abzuholen. Sie nimmt den Roller und wird wahrscheinlich spätestens am Abend einen heftigen Muskelkater im Oberschenkel bekommen. Aber sie ist pünktlich.

Pünktlich, um eine traurige Gretel abzuholen. Einige Minuten kämpft das Mädchen gegen die Tränen an, bis sie letztendlich doch aus ihren Äuglein kullern. Sie wollte so gerne in der anderen Gruppe spielen, mit ihrer meistens-besten-Freundin. Stattdessen ist sie abgeholt. Abgeholt, selber schuld. Derartige Aussagen anderer Kinder sind nicht hilfreich.

Die Mutter nimmt ihr Mädchen fest in den Arm. Die Kleine beruhigt sich und kann sogar wieder ein wenig Lächeln. Auf den Spielplatz möchte sie nicht. So rollert sie nach Hause, ihre Mama spaziert nebenher.

Das Handy der Mutter blinkt. Eine neue Nachricht im Klassenchat von Hänsels Schule. Heute abend findet ein Probecall für den Online-Unterricht statt.

Die nächsten Stunden ist die Mutter nun damit beschäftigt, die technischen Voraussetzungen zu schaffen und zu prüfen. Doch keiner ihrer Laptops weist die erforderte Kamera auf. Der App-Download auf Hänsels Handy schlägt fehl, da eine Security-App alles überlagert. Kurzerhand schmeißt die Mutter diese entnervt vom Telefon. Ändert aber nichts.

Ergebnis ist: Die App läuft auf dem Mobiltelefon der Mutter. Hänsel kennt jedoch die Uhrzeit des Calls nicht, auch die anderen Kinder sind sich laut der Informationen im Elternchat uneins. Blöd. Eine der genannten Uhrzeiten würde der Junge schaffen, die Alternative nicht.

Die Mutter hat keine Lust mehr. Das macht ihr keinen Spaß. Sie geht duschen. Und harrt anschließend der Dinge, die da kommen mögen. Oder auch nicht.