Gestern hat die Mutter von einem, eigentlich, sehr lieben Menschen als Reaktion auf ihre Diätpläne erst einmal Schokolade bekommen. Und dann auch noch eine ihrer Favoriten. Einer der beiden fand’s lustig, die Mutter nicht. Aber tatsächlich – und dafür erwartet sie mindestens Standing ovations – existiert die Schoki vierundzwanzig Stunden später immer noch. Sogar vollständig, denn bei Schokolade, sowie bei vielem anderen, gilt das Motto ganz oder gar nicht. Dass das jetzt zwei furchtbare Wochen werden, unabhängig der Lebensdauer der Schokolade, sollte allen bewusst sein.

Passend dazu beginnt die neue Woche der Mutter bescheiden. Die erste E-Mail drückt ihre Laune extrem. Sie trinkt Kaffee, sie geht joggen, sie knutscht ihre (zu dem Zeitpunkt noch) zauberhaften Kinder – nichts hilft. Sie sendet die Mail, mit der Bitte um Einschätzung, an eine Vertrauensperson weiter. Zumindest ist sie nicht empfindlich, sondern der Inhalt wirklich eine menschliche Katastrophe. Bessert ihre Laune nicht wirklich, da sie auf unbestimmte Zeit nicht aus der Situation herauskommen wird.

Ihre empathischen Mitbewohner merken, dass mit ihrer Mutter etwas nicht stimmt. Sie nehmen sie in den Arm und knuddeln sie, dazu minutenlange Beteuerungen, dass ihre Mutter die beste auf der ganzen Welt sei und sie sie niemals alleine lassen werden und immer für sie da sind.

Die vorangegangenen Tränen der Wut gehen in Tränen voll Stolz und Glück über. Die zwei sind schon klasse.

Dass sie aber auch anders können, beweisen sie nur wenige Minuten später. Hänsel, inzwischen so sehr genervt von seiner an ihm klebenden Schwester, weiß sich nicht mehr anders zu helfen als sie hysterisch anzuschreien. Die sensible Gretel versteht das Problem nicht und weint. Die eigentlich arbeiten müssende Mutter nimmt sie beide in den Arm und schlichtet die Auseinandersetzung erstaunlich entspannt. Familienkuscheln.

Mit einem Blick auf die Uhr klappt die Mutter den Laptop zu und bittet die Kinder, sich anzuziehen. Draußen ist es frühsommerlich warm, geradelt soll werden.

Hänsel kommt traurig zu seiner Mutter und bittet sie zögernd, zu Hause bleiben zu dürfen. Er braucht Zeit für sich. Nachdem er in der Früh bei seiner Schwester geblieben ist, damit die Mutter alleine joggen gehen kann, darf er natürlich.

Gretel bittet indes darum, mit dem Roller fahren zu dürfen. Die Mutter sieht die möglichen Kilometer schwinden, stimmt der Bitte dennoch zu.

Nach insgesamt dann doch zehn Kilometern, die Gretel tapfer und ohne zu meckern gerollert ist, einer semikurzen Unterhaltung mit einer ihrer Freundinnen, an deren Garten die Mädels vorbeigefahren sind, geht es noch zum Einkaufen. Neben Bananen und Apfel wünscht sich Gretel so sehr ein Eis. Mutig kauft die Mutter eine Familienpackung. Selbstgeisselung deluxe.

Daheim liegt Hänsel in seinem Bett und schläft. Wieder daheim baut Gretel eine Kissenwand vor seinem Bett auf, damit er weich fällt, sollte er aus dem Bett plumpsen. Wie sehr sie ihn doch liebt. Wie dankbar die Mutter doch ist, dass die beiden Kinder einander haben und wie glücklich sie ist, dass sie die beiden in ihrem Leben hat.

Diesen Gedanken versucht sie zu konservieren, denn die Dankbarkeit wird mit dem Erwachen des Jungen sicherlich ein jähes Ende nehmen. Keine der Aufgaben für heute ist erledigt. Gleich ist Abendessenzeit.

Während Gretel im Wohnzimmer friedlich mit der Verpackung des Fernsehers spielt, sitzt die Mutter auf dem Balkon und freut sich auf das Abendessen und die anschließenden Stunden mit Bier & Serie. Auf das positive konzentrieren, meistens klappt es. Aber noch schläft der Vulkan auch.