Den Vorabend verbringen Mutter und Tochter mit Kuscheln. Immer wieder kommt das Mädchen zu ihrer Mama getappst und schmiegt sich fest in ihre Arme.

Dass die Frau eigentlich anderweitig beschäftigt ist, interessiert den Frechdachs nicht.

Die beiden genießen die Nähe zueinander, Hänsel zeichnet in seinem Zimmer und möchte von dem Mädchenkram nichts wissen.

Als die Mutter Stunden später im Bett liegt, dauert es nicht lange, bis Gretel die Gunst der schlafenden Mutter nutzt und sich zu ihr kuschelt.

Friedlich schläft das kleine Mädchen, während das große auf einer Gesamtbreite von einem Meter sechzig geschätzte dreißig Zentimeter Platz hat und so gar nicht bequem liegt.

Das ändert sich auch nicht, weswegen die Mutter morgens extrem früh aufwacht. Weitere Schlafversuche vergebens, Kopfschmerzen sind im Anmarsch.

Statt sich auszuruhen dreht sich die Frau auf die Seite und betrachtet ihr Mädchen.

Aus dem Pubertier-Zimmer sind bereits Laute zu vernehmen. Hier ein Niesen, da ein Tappsen. Ein offizielles Lebenszeichen aber kommt nicht.

Vom Kindergarten geht bereits die dritte Mail während der Ferien und mit Infos zur Handhabe zum aktuellen Lockdown light ein, von der Schule gibt es bislang keine Info. Ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist, vermag die Mutter nicht einzuschätzen.

Das Telefon klingelt. Ihre neverending Wohnungsstory wundert sich, weil offenbar nur einer der beiden gemeldeten Schäden auch tatsächlich bearbeitet wird. Und der auch nicht sonderlich schnell, denn die Wände ihrer Wohnung sind nach wie vor nass, einen Termin zur Trocknung ist bislang nicht anberaumt.

Aber, was will sie machen. So klärt sie eben auch noch, was mit Schaden Nummer 2 ist und warum nichts vorwärtsgeht.

Sie lässt sich von dem unglaublich freundlichen Herren des Customer Services anzicken, reagiert naturgemäß und gibt die Informationen direkt an die Hausverwaltung weiter.

Grade als die Mutter ihre noch schlummernde Tochter in den Arm nehmen möchte, geht die Tür auf und Hänsel springt mit Kuschelbedarf in ihr Bett. Kurzerhand wacht auch Gretel auf. Familienkuscheln ist angesagt und tut allen gut.

Die Kinder spielen im Kinderzimmer und beschließen, dass ab sofort und für immer beide in Gretels Rückzugsbereich nächtigen werden. Schmunzelnd nimmt die Mutter diese Information zur Kenntnis. Sie gibt den beiden keine zwei Nächte.

Es geht raus. Mit Roller und Einkaufstaschen bepackt starten die drei Richtung See. Viele Schritte, viel Vitamin D und in Hänsels Fall acht gefundene Euro später stürmen sie anschließend den Supermarkt. Sie haben Hunger.

Wenn auch sonst überhaupt nicht ihr Fall, erklärt die Mutter den heutigen Tag zum TK-Tag. Jeder darf sich aus der Tiefkühlabteilung ein Essen aussuchen. Die Wahl fällt auf Frühlingsrollen als Vorspeise, Pizza und Lasagne als Hauptgang und Erdbeerstrudel als Dessert. Das haben sie sich heute verdient.

Ein Sekt für die Mutter landet ebenfalls im Einkaufswagen.

Wieder daheim und auf die im Ofen garenden Kalorien wartend aktualisiert die Mutter die Lage. Momentan lautet die Ansage für Hänsel noch, dass die gesamte Klasse am Montag in der Schule erscheint. Der Inzidenzwert von knapp 205 spricht eher dagegen. Der soeben erschienene Post des Landrats aber sagt ja. Mutter und Sohn lassen sich überraschen.

Nach dem Essen muss Hänsel seine Strafe für den Vortag leisten. Sein Buch-Tipp ist fertig, bedarf aber einer Überarbeitung. Es bleiben noch gut hundert Minuten, sein Zimmer sowie sein zu verantwortenes Chaos in Flur und Küche aufzuräumen. Er wird hektisch. Gretel fies. Die Mutter müde.

Ob der Junge es rechtzeitig schaffen wird? Falls nicht, ist die Strafe dafür bereits vereinbart: Er räumt auch Gretels Zimmer auf.

Die Mutter kennt ihre Tochter. Daher erklärt sie ihr ausführlich und unmissverständlich, dass sie ihrem Bruder nicht im Weg stehen wird. Wenn sie ihn absichtlich vom Aufräumen abhält, ist die Strafe für Hänsel hinfällig.

Die Schnute mitsam Hundeblick, die die Mutter als Reaktion erhält, ist süß. Hilft dem Mädchen aber nichts, die Mutter bleibt bei ihrer Meinung.

Nur kurz schließt sie die Augen. Nur einen klitzekleinen Augenblick…