Es ist weit nach Mitternacht, als die Mutter endlich einschläft. Der Kunstdieb stiehlt offensichtlich nicht nur Kunstwerke, sondern auch ihren Schlaf.

Dennoch ist es nicht die Mutter, die nach lediglich vier Stunden Erholung am schwersten aus dem Bett kommt. Es ist wieder ihr kleines Abbild. Gretel schafft es kaum, ihre Äuglein zu öffnen, geschweige denn, ihre Beinchen aus dem Bett – erneut das der Mutter – zu bewegen. Lust auf Kindergarten hat sie keine, draußen sieht es wie die letzten Tage schaurig aus und Radeln mag sie ebenfalls nicht. So ein süßes kleines Motzki-Mädchen.

Irgendwann aber hat sie es doch aus dem Bett geschafft. Langsam und in sich zusammengefallen schlurft sie auf die Mutter zu. Schwupps, da sitzt sie auf dem Schoß ihrer Mama und könnte direkt weiterschlafen.

Hänsel, der eigentlich schon vor fünf Minuten losfahren hätte sollen, zieht sich noch gemütlich in seinem Zimmer eine Hose an. Vollkommen entspannt sitzt er auf seiner Heizung und zieht verträumt die Hosenbeine hoch. Mit einer Ruhe, wie es sie nur Hänsel hat, verabschiedet er sich von seinen Mädels und verlässt mehr als zehn Minuten nach Plan die Wohnung. Pünktlich wird er dennoch sein.

Gretel möchte mit dem Roller in den Kindergarten. Das bedeutet für die Mutter, dass sie zu Fuß gehen wird. Macht nichts, das macht sie gerne. Ihren ersten Termin hat sie erst später, also wird spaziert und gerollert.

Das Mädchen wünscht sich, dass die Mutter sie früh wieder abholt. Da der zweite Termin erst für den späten Nachmittag vereinbart ist, bestätigt die Mutter auch diesen Wunsch ihrer Tochter gerne. So können sie am Nachmittag noch ein wenig Zeit miteinander genießen.

Doch es ist zu kalt. Einen kleinen Spaziergang machen sie. Wieder über den Friedhof. Heute allerdings ohne Nebel und ohne Beerdigung. Dafür auf der anderen, bislang unbekannten Seite des Geländes. Von dort sehen sie, wie ein Sarg aus dem Leichenwagen in die Kapelle gebracht wird. Wahrscheinlich wird später doch noch ein Abschied anstehen. Dann aber werden die beiden schon zu Hause sein.

Nun entdecken sie riesige Familiengräber. Viele der Verstorbenen sind im 19. Jahrhundert geboren. Fasziniert betrachten sie die Grabstätten. Gretel hat viele Fragen, die meisten kann ihr die Mutter beantworten. Für die übrigen wendet sich das Mädchen an die Friedhofsmitarbeiter. Die beiden Herren geben freudig und ausgedehnt Antwort, die Wissenslücken der Mutter sind offensichtlich.

Zuhause wartet Hänsel bereits. Während die Mutter noch mit einem Nachbarn ein Pläuschchen hält, klingelt Gretel. Hänsel soll ihr aufmachen. Tut er aber nicht. Die Mutter hat gesagt, wenn er alleine in der Wohnung ist, soll er das Klingeln ignorieren. Dass er das zeitgleiche Rufen seiner Schwester ebenfalls ignorieren soll, wurde nie verlangt. Sein Grinsen verrät, dass es wohl eine gute Idee sein dürfte, wenn die Mutter ihm nun ausdrücklich erlaubt, die Tür zu öffnen, wenn er weiß, dass seine Schwester davorsteht. Das Grinsen wird zur Schnute.

Die Kinder, ganz anders als geplant, spielen im Kinderzimmer. Die Mutter sitzt verlassen im Wohnzimmer. Nun gut, macht sie eben noch etwas fertig und kämpft gegen die zufallenden Augenlider an.

Das Telefonat ist nur sehr kurz. Schnell sind die Fakten geklärt und die weitere Vorgehensweise beschlossen. Da kündigt sich ein zusätzlicher, spontaner Austausch an. Eine weitere Stunde, die die Mutter nicht einschlafen darf.

Hilflos bittet sie ihren Sohn, sich um das Abendessen zu kümmern. Die Kinder dürfen sich aussuchen, ob es Milchreis oder Grießbrei geben soll. Gretel entscheidet sich für ein Essen, Hänsel zickt. Er sieht gar nicht ein, kochen zu müssen. Vereinbart war, dass er für das Mittagessen zuständig ist. Dass er das heute nicht tat und deswegen durchaus am Abend den Küchenchef mimen kann, empfindet das Pubertier komplett anders.

Unmotiviert, sich auf eine Diskussion mit einem zickenden fast-Teenager einzulassen, verlässt die Mutter die Arena. Hunger hat sie keinen, Gretel hat bereits warm gegessen und für Hänsel gibt es sowieso nichts, wenn er es nicht selbst zubereitet. Also gibt´s einen diet-day für alle. Und für die Mutter später vielleicht einen Sekt. Wenn die Kinder im Bett sind. Irgendwann. In ferner Zukunft. Und sie selbst hoffentlich nicht wieder vor ihnen eingeschlafen ist.

Verwirrt von ihren eigenen Gedanken sitzt die Mutter weiterhin im Wohnzimmer. Sie friert, sie ist müde, sie hat Halsweh. Viel zu wenig getrunken hat sie heute, viel zu viel geredet. Es steht sogar noch ein kalter Kaffee neben ihr. Stand neben ihr. Ohne Vanilleeis zwar nur halb so lecker, aber Kaffee ist doch irgendwie Kaffee.

Später, inzwischen ist die Mutter gar nicht mehr müde, kündigt Hänsel an, ins Bett zu gehen. Irritiert sieht die Mutter ihren Sohn an, wünscht ihm eine gute Nacht und lässt ihn von dannen ziehen. Gretel soll sich ebenfalls bettfertig machen. Tut sie. Und verlangt das Gute-Nacht-Ritual, wie ihr Bruder, im Wohnzimmer.

Nun ist die Mutter nicht nur irritiert, sondern traurig. Ihr kleines Mädchen geht alleine ins Bett. Ohne zugedeckt werden zu wollen. Das muss die Mutter erst einmal verarbeiten. Der äußerst attraktive Kunstdieb und der äußerst schmackhafte Sekt werden ihr sicherlich dabei behilflich sein.