Nun steht es dort. In der Küche. Laut. Präsent. Laut. Für wahrscheinlich vier Wochen. Vielleicht auch länger.

Schon am ersten Abend ist die Mutter von dem immensen Geräuschpegel genervt. Eigentlich würde sie fast neben dem Ungetüm schlafen.

Doch Gretel gewährt ihr Asyl. Nun ist es also nicht das kleine Mädchen, das zum großen Mädchen kommt, sondern das große sucht Unterschlupf im Zimmer des kleinen.

Gretel freut sich sehr, die Mutter nicht ganz so. Sie baut das Gästebett auf, kurz bevor sie ihrer Tochter gute Nacht sagt. Später, als sie sich hinlegen möchte, hat Gretel das Bett in Beschlag genommen.

Kurzerhand kriecht die Mutter also auf die Matratze ihrer Tochter. Und lauscht dem immer noch lauten Surren des Küchenungetüms. Zwei geschlossene Türen plus die nicht mehr zu schließende Küchentür trennen sie voneinander. Von der Hoffnung auf erholsamen Schlaf verabschiedet sich die Frau in dem Moment, in dem sie auf dem Handy ihre Einschlafserie startet.

Morgens hört die Mutter das Rauschen sofort nach dem Weckerklingeln. Es fällt ihr schwer aufzustehen, sie ist müde. Nur noch drei Mal aufstehen, dann ist Wochenende. Nur noch fünf weitere Male aufstehen, dann sind Ferien.

Auch die Kinder kommen nicht so recht hoch. Sie sind alle drei ferienreif. Ausschlafreif. Bis dahin wird noch einiges passieren, da ist sich die Mutter sicher. So zeichnet sich etwa ein zweiter harter Lockdown ab, die Schulen sind bereits jetzt schon im benachbarten Landkreis ab Jahrgangsstufe 8 im Wechsel zwischen Präsenz- und Distanzunterricht. Und auch die positiven SARS-COV 2 Ergebnisse in ihrem direkten und nicht ganz so direkten Umfeld nehmen zu.

Hinzu kommen die privaten kleinen Wahnsinnigkeiten, von denen die lauteste für zwar warme, aber sehr trockene Luft sorgt. Bei einer Außentemperatur um den Gefrierpunkt kommt eine Dauerbelüftung, abgesehen von dem zum Abzug geöffneten Fenster, nicht in Frage. Daneben wird es noch weitere Punkte geben, die die Familie beschäftigen werden.

Jetzt bringt die Mutter ihre Tochter in den Kindergarten und geht anschließend eine große Runde spazieren. Mit Buch auf den Ohren und Kamera um den Hals entscheidet sie sich spontan für die Waldrunde.

Als es zu schneien beginnt, weitet sie die Strecke aus. So dauert es zwei Stunden, bis sie wieder zu Hause ist. Nass, aber glücklich und mit einer neuen Projekt-Idee genießt sie im Rauschen ihres Ungetüms den zweiten (doppelten) Kaffee des Tages.

Der Vormittag vergeht schnell. Hänsel verputzt hungrig alle Backwaren, die die Mutter für mittags und abends geholt hat. Eine Breze lässt er großzügig für seine Schwester übrig.

Nachmittags kann die Mutter wieder einige Menschen in ihrem Umfeld mit Neuigkeiten versorgen. Glauben können sie es nach wie vor noch nicht so recht.

Währenddessen läuft das Ungetüm weiter und weiter. Den Kindern ist inzwischen so warm, dass sie in Sommerklamotten durch die Wohnung springen. Der Mutter ist so warm, dass sie fast versucht ist, das Fenster zu öffnen. Dazu müsste sie aber über die mitten im Raum stehende Couch springen, um den nun trostlos und einsam in der Ecke stehenden Weihnachtsbaum balancieren und drauf achten, in keine der aufgereihten Küchenschubladen zu steigen. Ihre Motivation hält sich daher in Grenzen.

Stattdessen beschließt sie den Tod des Weihnachtsmannes, den Hänsel ihr überlassen hat. Nach kurzer Überlegung, ihn vielleicht nur seines Kopfes zu entledigen, ist nur wenige Augenblicke später von dem ganzen Mann nichts mehr zu sehen.

Viel zu schnell vergeht auch der Abend und schon sind die Kinder im Bett. Die Mutter sitzt, allein mit den Geräuschen ihres Ungetüms, im Wohnzimmer, spielt ein bisschen Krieg und schaltet den Fernseher gar nicht erst ein. Gretel freut sich wieder auf ihre nächtliche Besucherin. Hänsel freut sich, dass die Mutter bei seiner Schwester schläft.


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