„Das sind Bibi & Tina, auf Amadeus und Sabrina, sie jagen im Wind, sie reiten geschwind, weil sie Freunde sind, weil sie Freunde sind“ – die Mutter sitzt senkrecht im Bett.

Es ist noch dunkel draußen, als aus dem Kinderzimmer das Intro der Geschichte dröhnt. Der Blick auf die Uhr verrät, heute wird noch mehr Kaffee als üblich nötig sein. Kurz nach fünf Uhr, die Mutter ist wach. Äußerst unglücklich über diesen Zustand, kuschelt sie sich in ihre Decke und schaltet den Fernseher ein. Zahlreiche Folgen purer Nostalgie später schläft sie wieder ein.

Kurz vor zehn Uhr. Die Mutter wacht auf. Vollkommene Stille in der Wohnung. Lediglich das Ticken der Uhr ist zu hören. Sie schaut sich um. Gähnende Leere in ihrem Bett. Keine Gretel weit und breit. Keine Kinder da. Sie ist zu müde, um aufzustehen und ins Prä-Pubertier-Zimmer, in dem beide seit Tagen nächtigen, zu schauen.

Stattdessen freut sie sich auf den Nachmittag. Der Vater der Kinder hat angeboten, ein paar Stunden mit seinen Kindern zu verbringen. Vor lauter Freizeit wird die Mutter gar nicht wissen, was sie zuerst tun soll. Wie immer wird sie sich bestimmt fürs Radeln entscheiden.

Sie wird abrupt aus ihren Gedanken gerissen. Vorbei die Stille, willkommen in „Lass mich doch mal in Ruhe!“, „Soll ich dich zurücktreten?“, „Das sag ich der Mama!“, „Mir egal, Hauptsache du lässt mich in Ruhe!“ und „Brüll mal leiser!“ sowie zwei unvermittelt weinende Kindern, die mit Kissen auf sich einprügeln. Noch ist kein Einschreiten notwendig, allerdings steigt der angenommene Kaffeebedarf plötzlich ins Unermessliche.

Hänsel knallt seine Tür zu, Gretel kommt zur Mutter und kuschelt ihre Tränen weg. Dann entdeckt sie plötzlich Schokolade, die der Osterhase wohl verloren hat. Sie ruft ihren Bruder und fragt fürsorglich, ob er mitsuchen möchte. Während dem Suchen beschließen sie, dass sie ihre Fundstücke – selbstverständlich – teilen werden. Fröhlich geht die Suche weiter. Sogar Geld haben sie gefunden! Und ein rosanes Glitzer-Shirt mit Delphin. Glücklich stellt Gretel fest, dass sie genauso eines ja schon iiiiiiiiimmer haben wollte! Was für ein Glück. Außerdem riecht es nach Oma und Opa. Die Mutter erklärt, dass das der Geruch von kaltem Rauch ist.

Hänsel stellt fest, dass sein Shirt auch OK ist.

Vor ihrem gefühlten Kilo Schokolade stehend teilen sie die Süßigkeiten, nach eigener Aussage, gerecht untereinander auf.

Die beiden Überlebenden der drei Hasen vor ein paar Tagen werden der Mutter jedoch als Schwund angezeigt. Auf mysteriöse Weise sind sie abhandengekommen. Keiner hat sie gesehen, gegessen natürlich erst recht nicht. Gretel aber findet einen goldenen Mantel in ihrem Zimmer. Felsenfester Überzeugung beteuert sie, dass das nicht der Mantel des toten Hasens ist und somit steht fest, dass mindestens ein zweiter sein Leben gelassen hat. Der Mörder muss unter ihnen sein, aber keiner war es.

Kommissarin Mutter möchte Antworten. Verbrechen in ihrem Haushalt werden nicht geduldet.

Hänsel ist aufgebracht. Lautstark schwört er, keinen Hasen gegessen zu haben. Auch weiß er nicht, wo sie sind. Er verschwindet in seinem Zimmer und wartet, dass sich die Lage beruhigt. Dass das nicht passieren wird, solange die Tat ungeklärt ist, ignoriert er.

Dass es der Mutter schlicht um die Ehrlichkeit ihrer Kinder geht, verstehen beide nicht. Dass sich die Mutter nicht mit einer „ich weiß es nicht“ Antwort zufriedengeben wird, ahnen die Kinder nicht.

Auf ihren versprochenen gedeckten Frühstückstisch wird die Mutter wohl noch lange warten dürfen.

Dabei war die Vorstellung so schön:
Während Mutter und Tochter am Vortag Ostergrüße ausfuhren, kam Oma Osterhase bei ihnen vorbei und hat einen Hefezopf gebracht. Voller Vorfreude haben die Kinder ihrer Mutter versprochen, morgens den Tisch zu decken und alle drei haben sich auf ein gemeinsames Frühstück gefreut, zu dem sie sich den Osterzopf ordentlich schmecken lassen.

Doch Gretel erkennt den Ernst der Lage und pfeift ihren Bruder aus der jugendlichen Hölle zurück. Er soll sofort kommen und mit ihr den Tisch decken. Schimpfend tut der Junge, was seine Schwester verlangt. Besorgt erkundigt sich das Mädchen, ob die Mutter als Getränk lieber ein Bier oder einen Kaffee möchte. Nach kurzer Überlegung lautet die Antwort Kaffee.

Das Frühstück verläuft entspannt, sobald aber Hänsel fertig mit seinem Essen ist, springt er auf und ward nicht mehr gesehen. Wenig begeistert ist er, als die Mutter unmissverständlich klar macht, dass er seinen Platz selbst aufzuräumen hat. Meckernd und schimpfend zieht er nach getaner Arbeit von dannen.

Die Mutter sitzt alleine auf dem Balkon. Nachdenklich. So sehr sie den aktuellen Tagesablauf, entsprechend ihres Biorhythmus, genießt, so sehr kann sie es kaum erwarten, dass zumindest Hänsel wieder in seinen gewohnten Takt findet und sie sich aus dem Weg gehen können. Gretel hingegen scheint die viele Zeit mit ihrem Bruder, trotz aller Streitereien, nach wie vor zu genießen. Sie liebt ihn. Das war schon immer so und die Mutter ist sich inzwischen sicherer denn je, dass sich diese Liebe auch niemals ändern wird. Sie lächelt.

Nachmittags sind die Kinder mit ihrem Vater spazieren, die Mutter wie geplant mit dem Fahrrad unterwegs. Sie fährt einfach drauf los. Vorbei an einer Erzieherin aus Gretels Kindergarten. Seit Minuten diskutiert diese mit ihrem Kleinkind, keine Aussicht auf ein Ende. Die Mutter lächelt die Erzieherin an, sie kann sie so sehr fühlen. Und ist unendlich glücklich, dass sie mit ihrer Geschichte auf den Ohren jetzt für drei Stunden ihre Ruhe hat.

So radelt sie gedankenverloren vor sich hin. Nach einer halben Stunde findet sie sich an ihrem happy place wieder. Ein kleiner See, an dem im letzten Sommer selbst an heißen Tagen nie mehr als zehn weitere Menschen waren. Heute stehen weit mehr Fahrräder am Seeende. Sie findet dennoch einen ruhigen Platz.

Sie unterbricht ihre Geschichte und genießt das Zwitschern der Vögel. In der Ferne hört sie Stimmen. Schon bald wird ihr happy place wahrscheinlich schon von zu vielen Menschen entdeckt worden sein und nicht mehr die bisherige Ruhe spenden können. Schade.

Nach einiger Zeit und vielen Gedanken am See radelt sie weiter. Noch ein bisschen Bewegung, bevor die Kinder, hoffentlich ebenso entspannt wie sie selbst, wieder nach Hause kommen.