Gretel drängt die Mutter nachts in die Ecke. Auf einer Breite von weniger als eine Armlänge verbringt sie ihre Nächte. Das ist weder erholsam noch bequem und führt nun dazu, dass die Mutter mit unglaublichen Rückenschmerzen viel zu früh aufwacht.

Ihr Blick fällt sofort auf ihr Handy. Doch weder eine SMS noch eine E-Mail sind eingetroffen. Nun liegt sie also müde im Bett ihrer Tochter, neben ihr das schlafende Mädchen, mit einem wiederkehrenden Hustgeräusch aus dem Nachbarzimmer und weiß ihren Sohn immer noch in Quarantäne.

Sie steht auf, während alle anderen noch schlafen. Ein erster Kaffee unterstützt sie bei der Vorbereitung ihrer heutigen Aufgabe. Während sie ihre Unterlagen sortiert, kommt Gretel ins Wohnzimmer geschlurft. Das Mädchen sieht müde aus, möchte aber unbedingt ihren Adventskalender öffnen.

Hänsel hingegen zieht das kuschlige Bett seinem Türchen vor. Erst später wird auch er zu ihnen ins heiße und immer noch fürchterlich laute Wohnzimmer stoßen.

Völlig in eine andere Sache vertieft aktualisiert die Mutter ihr elektronisches Postfach. Sechs Nachrichten mit dem Betreff „Covid-19 Report“ sind eingegangen. Pro getestete Person sind es zwei Nachrichten, einmal das Testergebnis und einmal das Passwort, um das Ergebnis zu öffnen. Schnell öffnet sie eine nach der anderen. Erleichtert ruft sie Hänsel und Gretel zu sich: drei Mal negativ!

Hänsels Erleichterung ist nicht nur spürbar, sondern auch deutlich zu hören. Wild juchzend rennt er durch die Wohnung und schreit Dinge wie „endlich wieder frei!“. Die drei beschließen, vor dem heute endlich stattfindenden Ferienstart-Essen eine große Runde an der kalten frischen Luft spazieren zu gehen. Lange ist es her, dass sich beide Kinder so sehr gefreut haben, wie sie es im Moment tun. Die Erleichterung der Mutter über die Testergebnisse ist ihr ebenfalls anzusehen.

Nach zwei Stunden Bewegung an der frischen Luft kehren die drei hungrig wieder heim. Die letzte Bestellung beim Lieferservice wird schnell dupliziert und angepasst. Warten sind die drei inzwischen gewöhnt und so machen die 28 Minuten bis zur Lieferung auch nichts mehr aus.
Es sind auch keine 28 Minuten. Wie immer sind die Jungs deutlich schneller fertig. Gut für die hungrige Meute, die sich direkt über die gelieferten Leckereien hermacht.

Vollgefuttert und glücklich gehen die Kinder im Anschluss spielen. Die Mutter hat ein technisches Problem zu lösen, dass sie an den Rand des Wahnsinns treibt. Und fast herunterschubst. Nach unzähligen Versuchen gibt sie entnervt auf.

Genau in diesem Moment klingelt das Telefon. Ein überraschender, aber sehr freudiger Anruf lässt die Mutter den technischen Ärger vergessen. Vorübergehend. Als ihr aber die Ideen ausgehen, widmet sie sich der Schulanmeldung für Gretel.

Das Mädchen kann es kaum abwarten, dass sie endlich rechnen und schreiben lernen darf. Den Vorschlag der Mutter, doch „Mama“ zu üben, tut die Kleine ab. Sie möchte richtig schreiben lernen. Die Mutter grübelt, was denn an Mama nicht richtig sei, stellt die Frage jedoch nicht.

Beim Ausfüllen der Unterlagen bemerkt die Mutter, dass sie die Kontaktdaten des Vaters der Kinder nicht nennen kann. Selbst wenn sie wollte, sie kennt seine aktuelle Adresse nicht. Dass es nicht mehr die vorherige ist, weiß sie auch nur von den Kindern. Lässt sie es eben offen. Schon wieder.

Nun haben sie morgen das Ziel, die Anmeldung in den Briefkasten der Schule zu werfen. Inklusive Rückweg wird sie das etwa fünf Minuten Zeit kosten. Kein gutes Ausflugsziel für die Mutter, die ihre Kinder schon heute darauf vorbereitet, sie auch am nächsten Tag zu einem Spaziergang zu nötigen. Jetzt aber genießen sie erst einmal den Abend. Die Mädels mit der Hitze und der Laustärke des Ungetüms im Wohnzimmer, Hänsel hat sich Ruhe erbeten und erholt sich in seinem wohltemperierten Pubertierzimmer.


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