Der Vorabend glich einer Katastrophe. Nachdem Hänsel zwar zur Abendessenszeit eingeschlafen ist und die Mädels so etwa für zwei Stunden seiner schlechten Laune entkommen konnten, erwacht das Böse zur eigentlichen Schlafenszeit. Ohne Vorwarnung wird lauthals kundgetan, dass die Mädels und überhaupt alle Menschen doof sind. Es hat Hunger und will jetzt was essen. Die Mutter aber hat gelernt, dass kleine Fieslinge nach Mitternacht nichts mehr zu essen bekommen sollten. Zwar ist die Geisterstunde noch in weiter Ferne, aber sicher ist sicher. Sie schickt das tobende Etwas wieder zurück ins Zimmer. Es wollte schlafen gehen, das soll es nun auch tun.
Es folgen Geschrei, Schimpfwörter, Tritte und jede Menge Tränen.

Fazit ist, dass die Mutter nach dem wirklich anstrengenden Abend mit der weinenden und ihren Bruder nicht wiedererkennenden Gretel in ihrem Bett eingeschlafen ist.

Der Tag beginnt mit einer Überraschung. Genau genommen sogar zweien.

Auf der Suche nach Futter muss Hänsel an den Mädels vorbei. Gretel weilt noch im Land der Träume, die Mutter aber ist wach. Fröhlich springt das Prä-Pubertier auf seinem Raubzug zum Kühlschrank zu den beiden ins Bett und wünscht seiner verdutzten Mutter mit einem Küsschen einen guten Morgen. Als er wenige Minuten später wieder aus der Küche herauskommt, bringt er seiner, immer noch irritierten Mutter, einen Kaffee. Huch?

Hänsel verschwindet wieder in seine Pubertier-Höhle und ward nicht mehr gesehen.

Gretel ist wie immer sofort nach dem Aufwachen gut gelaunt. Erwartungsvoll fragt sie ihre Mutter, ob sie ihr die Haare flechten dürfe. Aber vorher möchte sie ihr noch einen Kaffee machen. Darf sie, beides.

Die Mutter erinnert sich an ein Friseurspiel, als sie noch ein Kind war: Sie war etwa so alt wie Gretel, ihre Schwester mit den zauberhaften blonden Löckchen drei Jahre jünger. Die kleine Holly wollte Friseur spielen, die Mutter fand die Idee toll und holte ihre Bastelschere. Hochkonzentriert schnitt sie ihrer kleinen süßen Schwester alle Löckchen ab. Schließlich wollte sie eigentlich am liebsten einen Hund und wenn schon ein Baby, dann zumindest einen Bruder. Dafür sorgte sie nun, immerhin optisch. Die Eltern der beiden, die vom neuen kleinen Bruder der Mutter an diesem Sonntagmorgen strahlend geweckt wurden, sahen das anders. Die Legende besagt, dass die Mutter als Strafe ebenfalls einen fiesen Haarschnitt bekommen hat.

Gretel aber macht ihren Job gut. Sie kämmt ihre Mutter liebevoll und entscheidet sich dann spontan, aus dem Flechtzopf doch lieber einen Pferdeschwanz zu machen. Die Mutter sitzt geduldig auf der Couch und lässt ihre Tochter machen. Beim anschließenden Foto-Shooting, dem sich die Mutter unterziehen muss, ist auch Hänsel gerne und lachend dabei.

Das Lachen ist allerdings schnell wieder vorbei, als er doch tatsächlich die Tür, die er geöffnet hat, auch wieder schließen soll.

Bitte, lieber Herr Ministerpräsident, lass dieses Kind ab nächster Woche wieder zur Schule gehen!

Die Mutter passt ihre Sprache der des Sohnes an: „Wald?“ Überraschenderweise kommt im Duett ein freudiges „jaaaaaaaaaaaa!“. Haben die Kinder sie falsch verstanden? Klingt Schokolade wie Wald? Denken sie, die Mutter würde allein gehen?

Die Fehlersuche ist abgeschlossen, als die Mutter ihrem Sohn sagt, er möge doch bitte Kleidung, die weder vollgesaut noch stinkt, anziehen. Zwanzig Minuten später steht er immer noch verloren in dem Dreck, den er sein Zimmer nennt. Er würde Socken suchen, versucht er seine Mutter zu besänftigen. Die ist jedoch schon wieder völlig genervt. Hat Söder schon bekannt gegeben, dass Viertklässler nächste Woche wieder zur Schule dürfen?

Der Spaziergang beginnt dennoch angenehm. Sie treffen eine Nachbarin. Ungeduldig ermahnen die Kinder ihre Mutter, nicht schon wieder so lange zu quatschen. Tut sie nicht, also rennt Hänsel los. Ohne darauf zu achten, dass er den falschen Weg genommen hat und Mutter und Schwester nicht mehr hinter ihm sind.

Das wird nicht das einzige Mal heute bleiben, dass Hänsel missmutig seinen eigenen Weg stapfen wird.

Nun aber realisiert er, dass er auf Abwegen war und folgt seinen Mädels. So laufen Hänsel und Gretel nun Händchen haltend Richtung Wald. Die Mutter spaziert entspannt hinterher.

Im Wald angekommen gilt die gleiche Ansage wie immer: Die Kinder dürfen so weit vorlaufen, wie sie möchten, solange sie die Mutter noch sehen. An einer Weggabelung haben sie zu warten.

Es dauert keine fünf Minuten, da muss die Mutter zum ersten Mal nach ihren Sprösslingen rufen. Keine Reaktion. Auch wiederholtes Rufen ändert nichts, die Kinder bleiben außer Sichtweite. Noch ist es nicht tragisch, da es nur diesen einen Weg gibt. Aber auch an der Kreuzung, zu der die Mutter gleich kommen wird, sind keine Kinder zu sehen. Zwei weitere Rufe später kommen die Kinder aus dem Unterholz gerannt.

Hänsels Blick verrät ihr, dass er ganz genau weiß, dass er Mist gebaut hat. Ohne ein weiteres Wort wird nun aus dem Spielen und Toben im Wald ein Spaziergang. Strecke machen, wie es Oma und Opa im Urlaub immer genannt haben. Dazu eine Standpauke über die, eigentlich doch sehr einfachen, Regeln. Während Gretel Einsicht zeigt, kommt bei Hänsel Aggression zum Vorschein. Stinksauer zieht er von dannen.

Bei der nächsten Gabelung stapft er weiter, ohne sich auch nur einen Moment nach seiner Mutter umzudrehen. Diese wird stinkig. Aus Prinzip schlägt sie, mit Gretel im Schlepptau, die entgegengesetzte Richtung ein. Sie hat keine Lust mehr auf schlechte Laune, ständiges Diskutieren und nicht unter Kontrolle zu bringende Aggressionen. Ihr ist kalt und sie mag heim. Gretel auch.

Über Gott und die Welt plaudernd spazieren die beiden so dahin. Die Sonne ist schön, der Wind ist kalt, die Stimmung entspannt. Von Hänsel keine Spur, er ist weiter in die andere Richtung unterwegs.

Daheim angekommen geht Gretel, süß wie sie ist, davon aus, dass ihr Bruder sicher schon zurück ist und, wie abgesprochen, die Küche bereits aufgeräumt haben wird. Die Mutter bricht in schallendes Gelächter aus, nimmt ihre Tochter in den Arm, gibt ihr ein Küsschen und wünscht ihr, dass sie ihre naive, positive Art zu denken bitte noch lange beibehalten möge.

Weder ist Hänsel schon daheim, noch wird er heute irgendwann die Küche aufräumen, einkaufen gehen oder essen machen, dessen ist sich die Mutter sicher.

Hänsel kommt etwa eine halbe Stunde nach ihnen nach Hause. Ohne ein Wort zu sagen, gibt er seiner Mutter ein Küsschen und verschwindet anschließend in der Pubertier-Höhle.

Zum Glück sind noch Nudeln und Salat von gestern übrig, die Küche kann der Junge auch morgen machen.

Hat Söder inzwischen bekannt gegeben, dass Viertklässler ab Montag wieder in die Schule dürfen?