Nachdem Hänsel den Großteil des Abends in seinem Zimmer verbracht hat, ist es an der Zeit, gute Nacht zu sagen. Fröhlich hüpft er ins Bett und ist happy, dass er heute ganz allein entscheiden kann, welche Geschichte laufen wird. Entspannt kuschelt er sich in seine Decke und freut sich auf die Nacht.

Nur eine Stunde später steht er traurig neben seiner Mama. Mit Tränen in den Augen verkündet er ihr, dass er seine Schwester vermisst. Er legt sich in den Arm seiner Mutter, sie streichelt ihn, gibt ihm Küsschen und muss lachen. Er lacht mit ihr.

So bleiben sie eine weitere Stunde liegen, reden über Gretel, Hänsel, die kleine Schwester und was ihnen noch so einfällt. Gegen Mitternacht ist der Junge hundemüde. Er bittet seine Mutter, das Kissen mit den Fotos von Hänsel und Gretel darauf mitnehmen zu dürfen. Mit dem Kissen unter dem einen und Gretels Kuscheldecke unter dem anderen Arm begibt sich der Junge zurück in sein Bett.

Die Mutter schaut ihrem Sohn hinterher. Sie liebt diesen Kerl und freut sich sehr, dass einmal mehr deutlich wird, dass auch die Geschwister untereinander sich sehr lieben. Glücklich darüber schaltet sie noch eine Folge ihrer Serie ein, bevor auch sie schlafen geht.

Morgens fällt ihr Blick aufs Handy. Statt wie vereinbart abends soll Gretel bereits nach dem Frühstück wieder nach Hause gebracht werden, wie der Vater über Hänsel mitteilen ließ. Inzwischen ist es halb elf und, typisch für den Vater, noch keinerlei konkrete Information vorliegend. Wahrscheinlich meldet er sich wieder erst, während er bereits auf dem Weg ist. Vielleicht aber wartet er auch darauf, dass Gretel aufwacht. Ein bisschen Schadenfreude empfindet die Mutter schon, dass Gretel ausgerechnet am letzten Ferientag – bekanntermaßen immer eine Schlafapokalypse – bei ihrem Vater übernachten wollte.

Schmunzelnd liegt die Mutter im Bett, kaffeelos, und harrt der Dinge, die da kommen mögen.

Hänsel hat sich mit Frühstück versorgt und sitzt in seinem Zimmer. Für ihn geht’s am nächsten Tag wieder mit Schule los. Den neuen Stundenplan für den Online-Unterricht hat die Familie bereits erhalten. Nur zwei Tage pro Woche muss sich das Pubertier, und damit auch die Mutter, zur ersten Stunde am Rechner einfinden. Die restlichen Tage beginnt das Home-Schooling erst zur zweiten oder gar zur dritten Stunde. Die Freude darüber ist groß.

Die Freude über die Nachricht des Vaters dagegen hält sich in Grenzen. Wie angenommen teilt er mit, dass sie nun auf dem Weg sind. Eine Absprache, wie er es laut seiner Vortagesinformation vorgehabt habe, gibt es auch dieses Mal nicht. Dass Gretel von Anfang an von Abendessen am Sonntag sprach, für den Vater nicht relevant. Man möge sich zu seiner Verfügung halten.

Augenrollend steht die Mutter auf. Kaffee ist das Ziel. Mit diesem in der Blutbahn erteilt sie dem Vater der Kinder dann doch noch eine Ansage. Die wird wohl, wie alle anderen in den letzen Jahren, nichts nützen. Dennoch ist es ihr ein großes Anliegen, dem Vater einmal mehr zu erklären, dass er seine elterlichen Angelegenheiten selbst zu regeln hat und nicht seinen Sohn vorschicken soll. Nach Absenden der Nachricht wandert der Chat zurück ins Archiv.

Nur kurz darauf stehen Gretel und der Vater vor der Tür. Damit hatte die Mutter nicht gerechnet, normalerweise schickt er die Kinder allein ins Haus. Sie nutzt die Gelegenheit, um ihrem Ex-Mann die gleiche Ansage nochmals mündlich zu machen. Seine Reaktion ist wie immer: teilnahmslos mit Opferblick. Etwas dazu zu sagen hat er nicht.

Hänsel anschließend schon. Denn er informiert seine Mama, dass der Vater in zwei Wochen wieder Zeit für seine Kinder hätte. Sie überlegt kurz, ob sie das soeben beendete Gespräch über die direkte Kommunikation zwischen den Eltern nur geträumt hat. Mit der Bitte beider Kinder, nicht zum Vater zu müssen, wird sie aus ihren Überlegungen gerissen.

Die Mutter macht sich einen weiteren Kaffee, die Kinder toben ausgelassen auf der Couch. Als der Kaffee ausgetrunken ist, ziehen sich die drei an und toben im Schnee weiter.

Mit ausgelassener Gretel und einem verletzten Hänsel kehren die drei einige Zeit später zurück. Gretel verteilt die Kalorien, die sie vom Vater mitgebracht hat. Hänsel verkriecht sich schmerzerfüllt in sein Zimmer. Seine Lehrer bereiten sich auf den Unterricht morgen vor, gleiches erwartet die Mutter von ihrem Sohn. Sie selbst bereitet das Essen zu.

Nach dem Essen werden die Kinder bald ins Bett geschickt. Hänsel geht freiwillig, er hat vorher schon kurz geschlafen. Gretel meckert, aber das hilft ihr nicht weiter. Der Mutter graut es vor dem nächsten Morgen. Ein Blick in den Kalender verrät ihr, dass sie eigentlich um acht Uhr joggen wollte. Lachend ob ihrer Zuversicht schaltet sie den Rechner ein und bereitet sich für den Start ins Arbeitsleben 2021 vor.


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