Genervt sieht die Mutter auf die Uhr. Der kleine Zeiger ist noch nicht ganz auf der Neun. Sonntag morgen, in aller Herrgottsfüh, bildet sich einer der Nachbarn ein, wie wild herumzuhämmern. Kurz nachdem die Mutter dadurch erfolgreich geweckt wurde, ist Schluss. Sie ist fassungslos. Und müde.

Gretel schlummert friedlich neben ihr. Das Mädchen hat einen tiefen Schlaf und nichts von dem lautstarken Möbelaufbau in einer der umliegenden Wohnungen mitbekommen. Auch in Hänsels Zimmer ist alles ruhig. Der Junge fällt ebenfalls in einen Dornröschen-Schlaf und bekommt von der Welt während dieser Zeit nichts mit.

Neidisch auf dieses Können liegt die Mutter wach in ihrem Bett. An einem Sonntag um kurz nach neun.

Plötzlich vernimmt sie ein lautes *Buh!“ Ihre Tochter ist aufgewacht und hat versucht, sie zu erschrecken. Erfolgreich, wie die beiden lachend feststellen. Nach dem obligatorischen Kuscheln möchte Gretel nachsehen, ob ihr Bruder auch wach ist. Sie tapselt zu seinem Zimmer und schon bald ist die Geschichte, die leise dort läuft, zu hören. Zufrieden lächelt das Mädchen.

Noch am Vorabend gab es einen Streit zwischen den Kindern, wer heute den ersten Kaffee bringen dürfe. Am Vorabend noch wollten es beide sein, nun aber liegt die Mutter vollkommen kaffeelos im Bett und wartet ab.

Hänsel möchte außerdem das Frühstück zubereiten. Das Rezept für die Brötchen hat er sich bereits von der Oma schicken lassen, Zutaten sind alle vorhanden.

Aus den Brötchen wird ein Brot, aus dem Frühstück ein Mittagessen. Nun wartet die Mutter nur noch darauf, dass aus dem Chaos Ordnung wird. Vorsichtshalber zieht sie das Projekt Balkon vor und bestellt hierfür die Sitzgruppe, damit die nun drei Jahre stehenden Übergangsmöbel endlich verschwinden. Auch für einen größeren Tisch kann sie sich nach langer Überlegung entscheiden.

Gemeinsam räumen sie Gretels Zimmer auf. Dass die Mutter dabei am schnellsten arbeitet, ignorieren die Kinder. Dass sie dann als erstes auch wieder aufhört, um das Abendessen zuzubereiten, sieht der Nachwuchs nicht ein. Und teilt das lautstark mit, was wiederum von der Mutter ignoriert wird.

Das Familienleben ist wunderbar.

Trotz der mütterlichen Hilfe aber sieht das Zimmer abends nichts so aus, als würde die Mutter die kommende Wochen mit Raumgestaltung verbringen müssen. Blöd, denn das Wetter wäre passend dazu und mindestens Montag-Nachmittag müssen sie sowieso zuhause bleiben. So können die Kinder die Zeit nutzen und weiter Ordnung schaffen. Vielleicht. Vielleicht strapazieren sie aber auch einfach die Ordnungsnerven ihrer Mutter, die – inzwischen wieder im Wohnzimmer – verzweifelt versucht, sich wieder einzureden, dass der Zustand der Kinderzimmer für sie und ihre Laune irrelevant sei. Vielleicht klappt das morgen wieder, vielleicht folgt morgen die nächste Aufräum-Predigt. Wer weiß das schon so genau?


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