Leise schließt Hänsel die Tür. Er denkt, seine Mädels schlafen beide noch und möchte sie nicht wecken, wenn er gleich seine Geschichte einschaltet. Lächelnd liegt die Mutter in ihrem Bett und beobachtet ihren Sohn dabei. Als die Tür geschlossen ist und die Geschichte läuft, dreht sich die Frau um und nimmt ihre schlafende Tochter in den Arm. So bleiben sie eine Weile liegen.

Später, Gretel ist inzwischen aufgewacht und Hänsel bei ihnen, besprechen die drei den Tag. Die Sonne scheint, aber die Temperatur liegt wieder unter Null. Mittags werden die Kinder von ihrem Vater abgeholt, es ist Schwester-Wochenende, wie die beiden nicht leid werden zu betonen.

Gretels Blick wird traurig. Hänsel möchte weiterhin nicht bei seinem Vater übernachten. Gretel möchte auch die Nacht beim Baby bleiben. Hin- und hergerissen zwischen beim-Baby-bleiben und bei-Hänsel-bleiben versichert sich das Mädchen bei ihrer Mutter, ob sie es sich wirklich bis abends überlegen kann. Die Mutter verspricht, abermals, dass beide Kinder sich jederzeit umentscheiden dürfen: Wenn Hänsel doch über Nacht bleiben möchte, darf er das von ihrer Seite ebenso wie Gretel abends von ihrem Vorhaben abrücken und abends mit ihrem Bruder heimkommen darf.

Das Mädchen überlegt. Beim Vater fehlt ihr das Gute-Nacht-sagen, beim Vater muss sie allein im Zimmer schlafen und beim Vater fühlt sie sich nicht so ganz willkommen. Aber dort ist das Baby. Eine schwere Entscheidung, jedes Mal aufs Neue.

Hänsel hält sich mit seinen Gedanken zurück. Für ihn steht fest, dass er dort nicht übernachten will. Aber seine kleine Schwester möchte er schon gerne sehen.

Auch die Mutter hält sich aus der Entscheidung raus. Sie wird ihr Mädchen weder nach Hause ordern noch sie zur Übernachtung überreden. Das hilft zwar nicht, fühlt sich aber richtig an.

Gretel ist hungrig. Entsetzt stellen die drei fest, dass sie keine Brötchen mehr im Haus haben. So gerne hätte das Mädchen aber welche. Heldenhaft bietet Hänsel an, dass er durch die sonnige Eiseskälte marschiert, um seiner Schwester die gewünschten Brötchen und Brezn zu erobern.

Nach einem ausgiebigen Frühstück ziehen die Kinder sich an und lassen sich vom Vater abholen. Gretel nimmt die Hälfte ihres Spielzeugs mit, die Mutter hofft, dass sie es auch wieder mit nach Hause bringt.

Auch heute hat der Vater die Mutter nicht angesehen. Kein hallo, kein tschüss, kein irgendetwas. Augenrollend nimmt Hänsel das zur Kenntnis, das Schulterzucken der Mutter beantwortet er mit einem Lächeln. „Bis später!“ ruft er noch und trottet dann dem Vater, der bereits vorgegangen ist, hinterher.

Die Tür schließt sich und die Mutter genießt die Ruhe. Kein Hörspiel, kein Streiten, kein „Maaaaaaamaaaaaaa!“ – nur Ruhe. Sie möchte nur ein bisschen an ihrem Projekt weiterarbeiten und stellt später erschrocken fest, dass Hänsel schon in Kürze wieder kommen wird. Macht aber nichts, denn sie hat es gern gemacht.

Wenn Gretel sich nicht umentschieden hat, wird sie auch den nächsten Tag beim Baby verbringen. Hänsel und die Mutter wollen die Zeit mit einer gemeinsamen Wanderung verbringen. Sollte das Mädchen mit nach Hause kommen wollen, wird der Plan entsprechend angepasst. Abends wird das Mädchen auf jeden Fall zurück sein. Pünktlich zur Schlafen-geh-Zeit. Da die Ferien in der kommenden Woche abgesagt worden sind, muss Hänsel auch am Montag wieder früh am Rechner sitzen. In den Kindergarten zurück geht es für Gretel auch erst eine Woche später. Beiden Einrichtungen liegen jedoch noch keine konkreten Informationen vor.

Dafür aber klingelt das Telefon. Gretel möchte ebenfalls nach Hause. Dann wird es wohl nichts mit dem Mutter-Sohn-Ausflug, dafür aber gibt es ein gemütliches Bruder-Schwester-Kuschelkino.


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