Der gestrige Abend war lang. Erst streiten die Kinder wie üblich. Sie streiten, wer die letzte Tasse aufräumt. Sie streiten, wer sich zum Zähne putzen auf welchen Hocker stellen darf. Sie streiten, welche Geschichte Alexa abspielen soll. Sie streiten, wer welche Decke zum Schlafen haben darf. (Ist ja nicht so, als hätte nicht jeder eine eigene.) Sie streiten, wer auf welcher Seite des Prä-Pubertier-Bettes schlafen darf. (Ist ja nicht so, als hätte nicht jeder ein eigenes Zimmer, inklusive Bett. Mit Decke.)

Dann ist Hänsel sauer, weil er um zweiundzwanzig Uhr, zwei Stunden nachdem er ins Bett geschickt wurde, nichts mehr essen darf. In seinem nächsten Leben wird er sich seine Mutter ganz genau aussuchen. Jetzt wird er hungrig schlafen gehen.

Endlich Ruhe. Die Mutter wollte ein wenig das Trampolin ausprobieren, leider leider kam aber ein schönes Gespräch mit einer Freundin dazwischen. Zufrieden schläft sie ein.

In der Früh schreckt Gretel für einen Moment aus dem Schlaf hoch. „Mami, machst du mir einen Kakao?“ und schon ist sie wieder eingeschlafen. Die beiden können wirklich nicht leugnen, Mutter und Tochter zu sein.

Hänsel schläft noch. Oder verhält sich zumindest ruhig. Oder ist über Nacht einen grausamen Hungertod gestorben.

Mit ihren überlebenden Kindern möchte die Mutter heute gerne radeln gehen. Wohin, weiß sie noch nicht. Vielleicht zum Lieblingsplatz. Auf jeden Fall zum Einkaufen, leuchtet eine gesnoozte Erinnerung in ihrem Kopf auf. Es ist kaum Bier mehr da, und Milch für die morgendlichen Süchte der Mädels neigt sich ebenfalls dem Ende. Außerdem müssen die Kinder noch backen. Aus reiner Schikane, da die Oma schon angekündigt hat, der Mutter ihren Lieblingskuchen zu kredenzen. Zum Glück, denn so ist sichergestellt, dass wirklich nur gehobelte Karotten und nicht zusätzlich noch Kinderfinger im Kuchen landen.

Sie radeln los.

Hänsel lebt türkische Verhältnisse, fährt einen Kilometer hinter seinen Mädels und verpasst dabei die Ausfahrt. Mal wieder. Die Mutter ist genervt. Mal wieder. Sie streiten und fahren weiter.

Nach einer Stunde kommen sie am Happy Place an. Ziemlich viel los, an ihrem einstigen einsamen Rückzugsort. Sie finden dennoch einen ruhigen Platz und machen es sich gemütlich.

Die Kinder spielen am und mit dem Wasser, die Mutter liest ihr Magazin. Ein Stück neben ihnen haben sich ein paar Jugendliche eingefunden und beschallen diese Seeseite mit Musik. Die Sonne scheint. Alle sind glücklich.

So sitzen sie nebeneinander, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt. Hänsel wirft Steine ins Wasser, das kann er stundenlang. Gretel futtert. Das kann sie stundenlang. Plötzlich schaut sie ihre Mutter ernst an. „Mami, wieso könnt ihr ohne Schwimmflügel schwimmen?“ Die Mutter weiß genau, was los ist. „Weil wir es gelernt haben, mein Schatz. Und das wirst du auch.“ Traurig schaut Gretel auf den See. „Aber, Mami, wann denn?“ Die Mutter fühlt die Trauer der Tochter. „Wenn die Schwimmbäder wieder aufmachen dürfen, Liebling.“ Gretel guckt betrübt, nimmt ihren Bruder an die Hand und spielt am Seeufer. Sie ist traurig.

Während sie einge Zeit später aufbrechen, erklärt Gretel Hänsel, was Familien machen. Nämlich zusammenhalten und auf die Eltern hören.

Auf dem Heimweg stellt sich raus, dass Hänsel das nicht so sieht. Wieder einmal fährt er einfach drauf los. Zuvor hat er auf eine Frage eine negative Antwort erhalten, seitdem dürstet es ihn nach Blut. Oder zumindest nach mutterfreier Zone. Querfeldein haut er ab. Soll er machen. Selbst Gretel fragt schon nicht mehr nach.

Irgendwann taucht er wieder auf. Verwundert, dass die Mutter nicht sofort vom Fahrrad und ihm um den Hals springt, zieht er wieder von dannen. Mit Höchstgeschwindigkeit durch den Heimatort. Die Mädels entspannt hinterher.

Als die beiden schließlich zu Hause ankommen, wissen sie noch nicht, dass Hänsel den Abend nicht bei ihnen verbringen wird.

Gretel versucht die Tür aufzuschließen, schafft es aber nicht. Die Mutter auch nicht. Von innen steckt ein Schlüssel. Weder auf Klingeln noch auf Anrufe wird reagiert. Eine gefühlte Ewigkeit später öffnet Hänsel die Tür. Ooops. Er kann sich auch nicht erklären, wie der Schlüssel ins Schlüsselloch kommt.

Grantig räumt er den Einkauf aus, während die Mutter seinen Vater anruft. „Hol deinen Sohn ab.“ Keine Frage, keine Bitte, eine Ansage.
Genervt tut er, was die Mutter verlangt. Dem Sohn ist es egal. Insgeheim ist er froh, dass er der Frauenhölle zu Hause einmal entkommen kann. Aber wie es beim Vater wird, weiß er nicht. Spannend jedenfalls nicht, dessen ist er sich bewusst.

Nachdem das erste Bier ausgetrunken ist und der Junge seinen Vater bekniet hat (oder umgekehrt?), ihn doch daheim zu lassen, wird Essen gemacht. Das neue Fav-food der Familie. Die Zutaten sind für zwei doppelte Portionen eingekauft, das Wochenende ist gerettet. Kalt soll der Auflauf auch schmecken. Vielleicht wird es ein kleiner Teil schaffen, abkühlen zu dürfen. Die Wahrscheinlichkeit ist gering.

Gretel fühlt sich in ihren vollgematschten Klamotten vom See nicht mehr wohl. Sind ja dreckig. Und sie eine Prinzessin. Daher muss jetzt, wo doch ihr Elsa-Kleid in der Wäsche ist, unbedingt ihr Dirndl anziehen. Der Rock fliegt beim Drehen so schön, huuuuuiiiii.

Das Essen, nicht die Kinder, nicht mal eines, ist im Ofen. Die Mutter setzt sich auf den Balkon und möchte die Ruhe genießen. Bier auf.
Das Essen ist fertig. Schnell die Raubtiere füttern und sie dann ins Bett schicken. Intrigen, Mord und Totschlag schauen, dazu Bier trinken.

Wann öffnen die Grundschulen gleich wieder?