Es ist Freitag. Als der Wecker klingelt liegt das kleine Mädchen zusammen gekauert an seine Mutter gekuschelt. Eine Decke hat sie keine, die ihrer Mutter liegt am Fußende.

So wird das nichts mit dem Erkältungsfrei bleiben. Die Mutter deckt ihre Tochter liebevoll zu und nimmt sie wärmend in den Arm.

Draußen zwitschern die Vögel, ein paar Autos fahren die Straße entlang. Der mütterliche Kopf schmerzt weiterhin, das Kratzen im Hals hat ein wenig nachgelassen.

Wie gerne würde die Frau sich umdrehen und einfach weiterschlafen. Stattdessen sieht sie ihrem Mädchen ein paar Minuten beim Schlafen zu und steht auf. Mit dem Drücken auf das Knöpfchen der Kaffeemaschine keimt die Hoffnung auf, dass es ihr besser geht. Sie hat Lust auf einen Kaffee, das Getränk riecht hervorragend und sie freut sich auf den ersten Schluck. Ein großer soll es werden, schmackhaft wie immer. Doch das heiße Getränk schmeckt ihr zwar, aber so richtig dann doch noch nicht.

Da sie nun weiß, dass sich die Halsschmerzen im Laufe des Tages verschlimmern werden, nimmt sie zusätzlich zum Ausweis auch ihre Bankkarte mit. Gestern hat sie die letzte Schmerztablette verbraucht, sie wird auf Nummer sicher gehen und neue holen.

Beide Kinder tun sich mit dem Aufstehen ebenso schwer wie ihre Mutter. Morgen ist Wochenende, nur noch zwei Wochen bis zu den Ferien.

Hänsel ist genervt. Seine Mutter bekommt inzwischen nicht einmal mehr die Tür zu seinem Zimmer auf und fordert mehr Ordnung. Er will Ruhe. Und keinen Wechselunterricht. Bekommen wird er beides nicht. Wahrscheinlich. Vielleicht. Morgen oder am Sonntag werden sie das Testergebnis bekommen, dann können sie nachfragen, ob er in die Schule darf, wenn der Husten nicht schlagartig verschwindet.

Die Laune bessert sich auch im Laufe des Vormittags nicht. Mutter und Sohn streiten sich und unterhalten so die Nachbarn. Das Schöne dabei ist, dass es inzwischen nicht mehr klar zu erkennen ist, was ein echter Streit ist und was für ihr Coaching geprobt wird. Denn auch dazu zwingt die Mutter ihren Erstgeborenen. Hänsel wird zum Rumpelstilzchen und erst viel später erkennt er, dass seine Mutter ihn nicht ärgern wollte, sondern dass sie mit ihm genau so eine Situation durchgespielt hat, wie sie in diesem Moment wichtig für ihn war.

Einmal mehr sind die beiden sich sicher, dass sie den richtigen Weg nehmen. Sie fallen sich in die Arme und vertragen sich wieder. Schnell noch muss die Mutter eine Sache zu Ende bringen, bevor sie Gretel abholt. Den Nachmittag verbringen sie zuhause, Hänsel ist auf Grund seiner Symptome in Quarantäne und auch die Mutter ist noch immer nicht wieder fit.

Ganz im Gegenteil zu dem Mädchen. Die Kleine hüpft und springt fröhlich vergnügt den Heimweg über. Dass auch sie ein wenig ihr Zimmer aufräumen soll, überhört sie konsequent. Sie wird es aber dennoch tun. Die Autos räumt sie über dem Autoteppich fahrend von rechts nach links und wieder zurück. Dazu macht sie Autofahrgeräusche und diverse Martinshörner nach. Aber immerhin nennt sie es aufräumen. So nah dran waren die drei schon lange nicht mehr.

Nach einer Stunde intensiven Aufräumen – die Mutter visualisiert das Aufräumen, die Kinder spielen intensiv – beschließen Hänsel und Gretel, dass es Zeit fürs Essen ist. Sie fragen ihre Mama, was sie essen möchte und begeben sich mit der Antwort schnurstracks in die Küche. Die Mutter nutzt die Ablenkung und wirft einen Blick in die Kinderzimmer. Dabei stellt sie fest, dass ihre Kinder weder ihr Verlangen nach Ordnung, noch ihre Unlust am Kochen geerbt haben. Mit dem leckeren Geruch der griechischen Gyrospfanne in der Nase beschließt sie lächelnd, dass das auch vollkommen in Ordnung ist. Für das Wochenende wird sie das böse Wort mit A nicht nochmals erwähnen.

Hänsel möchte zudem, dass auch das Wort mit P, gefolgt von apa, nicht erwähnt wird. Er ist genervt. Am letzten Wochenende fragte der Vater an, ob die Kinder an diesem inzwischen vergangenen oder dem nun bevorstehenden Wochenende kommen mögen. Hänsel hat, nach kurzer, aber eindeutiger Rücksprache mit seiner Schwester, eine Antwort gesendet: Weder noch. Anschließend bat er seine Mutter, dass sie den Vater nicht mehr erwähnen möge, bis er von sich aus etwas sagt. Gretel schloss sich an. Also erwähnt die Mutter nichts von der erneuten Anfrage das bevorstehende Wochenende betreffend und verschiebt den Chat ins Archiv.

Da der Vater zwar großartig darin ist, keine Antworten zu geben, aber überhaupt nicht damit umgehen kann, wenn er selbst keine bekommt, fragt er bei seinem Sohn nach. Genervt blickt der Junge auf sein Display. Erst jetzt erwähnt die Mutter die gestrige Nachfrage bei ihr. Das Kind wird noch genervter. Er verschiebt den Chat ins Archiv, unbeantwortet. Die Mutter ist sprachlos. Und stolz. Denn ihr Sohn kann sich inzwischen sehr gut abgrenzen und für seine Bedürfnisse einstehen.

Dass die beiden sich damit genauso verhalten wie der Vater, ignorieren sie in diesem Moment einfach. Sie nehmen sich in den Arm und lassen sich das Abendessen schmecken, bevor sie mit einem Film ins Quarantäne-Wochenende starten.


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