Nach nicht mal einer handvoll Stunden Schlaf ist die Nacht vorüber. Draußen wird es langsam hell, als sie die Augen öffnet. Verschlafen nimmt die Mutter ihr Handy zur Hand. Immer noch keine Nachricht vom neuen Baby.

Dafür Rufe von Politikern, die nach Schließungen der Schulen schreien. Am ersten Tag seit drei Monaten, an dem die Klassen der weiterführenden Schulen wieder in den Präsenzunterricht dürfen. Ob es an der Forderung, dem wenigen Schlaf, der Uhrzeit oder der noch nicht vorhandenen Kaffee-Dosis liegt, vermag die Frau in diesem Moment nicht zu entscheiden. Fest steht lediglich, dass sie verzweifelt den Kopf schüttelt und die Welt nicht mehr versteht.

Nach einem ersten Kaffee bringt sie Gretel in den Kindergarten. Das Mädchen möchte gerne mit dem Fahrrad fahren, die Mutter unterstützt diesen Vorschlag gerne. So ist sie schneller wieder zuhause und kann einen weiteren Kaffee trinken.

Langsam wacht auch Hänsel auf. Auf Grund des nicht stattfindenden Online-Unterrichts, da die Lehrer alle wieder in der Schule sind, kann er sich seine Zeit für die anfallenden Aufgaben frei einteilen. Der Mutter ist es daher sehr recht, dass der Junge seinen Wecker ausschaltet und dann ausgeschlafen miese Laune auf Grund des unstrukturierten Tages hat. Weniger recht ist ihr, dass sie später abermals von der Schule auf das Fehlen diverser Hausaufgaben hingewiesen wird.

Sie selbst ist den Vormittag über fleißig. Allerdings erledigt sie auch heute nicht die vorrangigen Dinge ihrer To-do-Liste. Dennoch ist sie mittags, als das Telefon klingelt, zufrieden mit dem Ergebnis ihrer Arbeit.

Mit dem Anruf weniger. Schon beim Blick aufs Display ist ihr klar, dass die kinderfreien Stunden diese Woche nicht stattfinden werden. Der Anrufer ist Gretels Kindergarten. Sie möchte das Mädchen bitte abholen, sie weist leichte Erkältungssymptome auf. Die Mutter weiß nicht, ob sie weinen oder lachen soll. Schon beim letzten Mal, als die Restriktionen für Kindergartenbesuche verschärft worden sind, war sie die erste, die ihr Kind abholen musste. Nun also erneut.

Auf dem Weg zum Kindergarten überlegt sie, was jetzt eigentlich zu tun ist. Sie hat den Überblick verloren. Alles, was sie weiß, ist, dass Gretel einen negativen Corona-Test benötigt. Mit Symptomen darf sie jedoch nur zu bestimmten zum Testzentrum, für den heutigen Tage ist diese Zeitspanne vorüber. Der morgige kinderfreie Vormittag wird also im Testzentrum verbracht.

Die Mädels schließen die Wohnungstür auf, Hänsel erwartet sie bereits. Der Junge geht davon aus, dass er morgen nicht am Unterricht teilnehmen darf. Die Frage, wie er darauf kommt, beantwortet er mit einem affektierten Husten. Sie legt ihm die beiden Zettel hin, die er für den Schulbesuch benötigt. Diese hat sie ihm bereits vormittags überreicht, er aber ließ sie liegen. Mit bestimmter Stimme und genervtem Ton teilt die Frau ihrem Erstgeborenen die Konsequenzen mit, sollte die Schule ihn am nächsten Tag auf Grund der fehlenden Zettel nicht zum Unterricht zulassen. Der Junge ist wenig beeindruckt, die Mutter ahnt nichts gutes.

Sie bemitleidet sich eine Zeitlang. Wenn der Junge wirklich nicht am Unterricht teilnehmen darf, dann ist das eben so. Sie wird ja sowieso nicht in Ruhe arbeiten können, wenn Gretel zuhause ist. Aber wenn er es provoziert, dann sollte er sich besser eine verdammt gute Ausrede einfallen lassen.

Mitten in ihren Gedanken registriert die Frau, dass ihr Mädchen in der Tür steht. Mit einem blutgetränkten Taschentuch taucht die Kleine im Arbeitszimmer auf. Hänsel hat ihr den Wackelzahn herausgedreht, berichtet das Mädchen fröhlich. Niemals zuvor sei sie glücklicher gewesen, wird sie nicht müde zu sagen. Die Mutter starrt die riesige Zahnlücke im Mund ihres Kindes an und ist froh, dort nun nicht mehr den fies an nur noch einem Eck hängenden Wackelzahn sehen zu müssen. Das strahlende Lächeln ihres zahnlosen Kindes ist deutlich schöner.

Nachmittags macht sich die kurz Nacht der Mutter bemerkbar. Sie ist müde und unkonzentriert. Dass Gretel neben ihr etwa zwei Meter hoch auf dem Trampolin hüpft und dann mit einem Salto auf der Couch landet, macht die Situation nicht besser. Also fährt sie noch ein wenig mit dem Selbstmitleid fort, bevor sie sich wieder in die Arbeit stürzt.

Die Kinder streiten sich währenddessen. Genervt schließt die Mutter die Tür und dreht die Musik lauter. Wie schön es gewesen wäre, am nächsten Tag für etwa fünf Stunden vollkommene Stille um sich herum zu haben.

Auch Gretel möchte gerne in den Kindergarten gehen. Schluchzend sitzt das Mädchen nach dem Abendessen auf dem Schoß ihrer Mutter. Warum sie denn nun schon wieder nicht gehen dürfe und wann Corona endlich vorbei sei, möchte sie wissen. Das warum kann ihr die Mutter zwar beantworten, allerdings gefällt diese Information dem Mädchen nicht. Es gefällt ihr auch nicht, dass ihre Mama ihr nicht sagen kann, wann das alles vorbei sein wird.

Die beiden kuscheln. Wie ein Baby wiegt die Mutter ihr Mädchen im Arm. Es ist nicht auszumachen, wem von den beiden das besser gefällt.

Hänsel nervt dieser Schmusekurs. Er packt seine Schulsachen für den nächsten Tag – inklusive der benötigten Elternbriefe. Zumindest sieht es danach aus.

Ein wenig vor der üblichen Schlafenszeit schickt die Mutter die beiden ins Bett. Sie möchte sich ebenfalls hinlegen und ein paar Folgen ihrer Serie sehen, bevor sie den verpassten Schlaf der vergangenen Nacht nachholen wird. So der Plan.


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