Genau ein Jahr ist er her, der erste Tag der Schulschließungen. Der erste Tag des neuen Lebens. Und wie könnte man dieses Jubiläum besser feiern, als morgens in aller Herrgottsfrühe mit einem angeschlagenen Kind ins Testzentrum zu fahren?

Abends kommen der Mutter Zweifel. Das Mädchen klingt fürchterlich und klagt weiterhin über Halsschmerzen. Die Frau wickelt ihre Tochter in ihre beiden Decken ein, startet die Lieblingsgeschichte und wünscht der Kleinen, dass sie sich gesund schlafen möge. So wie das Kind in diesem Moment drauf ist, fährt die Mutter mit ihr nirgends hin. Dann muss der Test eben einen Tag warten.

Die Zeit für Testpersonen mit Symptomen ist begrenzt. Wer bis um 10 Uhr nicht auf dem Testgelände erscheint, hat Pech gehabt. Die Mutter verspricht ihrer Tochter, dass sie ausschlafen darf. Sollte sie wirklich länger schlafen als bis halb 10, dann ist der Test für diesen Tag überflüssig. Dann geht es dem Kind nicht gut und es wird im Bett bleiben. So besprechen es die beiden.

Nachts kommt das Mädchen zu seiner Mama gekuschelt. Morgens beim Aufstehen sieht die Frau, dass das Kind seine neuen Sneaker bei diesem Unterfangen mitgebracht hat. Sie muss schmunzeln.

Und Hänsel muss früh aufstehen. In den letzten Wochen reichte es, wenn er sich aus dem Bett bewegte, kurz bevor der Unterricht beginnt. Nun steht er fast eine Stunde früher auf. Und mit ihm seine Mutter. Wer von den beiden an diesem Tag lauter schimpft, können die Nachbarn kaum feststellen.

Er hustet und die beiden sind sich unsicher, ob er zur Schule sollte. Fieber hat er keins und das negative Testergebnis liegt vor. Die Mutter überlässt ihrem Sohn die Entscheidung. Letztendlich radelt der Junge los und die Mutter sieht nach ihrer schlafenden Tochter. Gedankenverloren sitzt sie am Bett und denkt über das letzte Jahr nach.

Viel ist passiert in den letzten 365 Tagen. Freundschaften haben sich gelöst, andere haben sich gebildet oder intensiviert. Sie hat vieles über die Menschen in ihrem Umfeld und über sich selbst gelernt. Die letzten 12 Monaten sind sicherlich keine leichte Zeit gewesen. Aber es sind Monate, die die Frau nicht missen möchte. Sie ist um so viel Erfahrung reicher. Unter normalen Umständen hätte es sie wahrscheinlich einige Jahre gekostet, um an diesen Punkt, an dem sie heute steht, zu gelangen.

Dass sie jedoch in diesem Moment am Bett ihrer Tochter sitzt und versucht, herauszufinden, ob das Kind Fieber hat, gehört nicht zu den Erfahrungen, an denen sie wachsen wird. Aber es gehört zu den Momenten, die ihr ihr Baby wieder zurückbringen. Wenn Gretel krank ist, liebt sie es, stundenlang im mütterlichen Arm zu liegen und zu kuscheln. Die beiden unterhalten sich und genießen die Wärme des anderen. Doch so sehr sie das Kuscheln auch liebt, die Mutter möchte keine weiteren kindlichen Tränen, weil Gretel nicht zu ihren Freunden darf. Sie möchte ein fittes Kind, mit dem sie schnell zur Teststation fährt, 24 Stunden auf das Ergebnis wartet und dann ist wieder alles gut.

Das Mädchen wacht auf. Fieberfrei. Also fahren die beiden zur Teststation. Viel ist nicht los, kaum jemand ist ohne Kind dort. Sie sind schnell dran und schnell wieder zuhause.

Und dort fangen die Fragen an:
Darf ich morgen wieder in den Kindergarten?
Darf ich morgen meine Freunde sehen?
Darf ich heute noch raus?

Nachdem die Mutter geantwortet hat, ändern sich die Fragen:
Warum darf ich morgen nicht in den Kindergarten?
Warum darf ich meine Freunde nicht sehen?
Warum darf ich heute nicht raus?
Wann kommt Hänsel heim?
Warum darf Hänsel raus?

Der Mutter laufen Tränen über die Wangen. Heute ist ihr alles zu viel. Sie lässt Aufgaben, die ihre Konzentration erfordern, für diesen Tag sein. Stattdessen nimmt sie sich ihr kleines Mädchen und kuschelt. Für das Kind eine Zeitspanne von Stunden, für die Mutter nur wenige Sekunden. Real werden es wohl ein paar Minuten gewesen sein.

Irgendwann steht Hänsel im Wohnzimmer. Er berichtet von der Schule und den Informationen, die er bekommen hat. Niemand hat sich für seinen Covid-Test interessiert, der Husten wurde ignoriert. Die Lehrer haben ihre Meinung zum Wechselunterricht kundgetan und die geplante Umsetzung der Selbsttests besprochen. Allesamt sind genervt, dass es mit dem Unterricht nun wieder deutlich länger dauern wird, ein paar wenige ziehen auch ihre Vorteile aus dem Wechselunterricht.

Nachmittags ist die Laune der Mutter immer noch nicht besser. Die Musikwahl der Kinder unterstützt ihre miese Stimmung, auch wenn die Jungs ihr mit ihrer Aussage, dass das Leben grausam sei, heute aus der Seele sprechen. Warum die Kinder ausgerechnet diese Band hören müssen, ist der Frau schleierhaft. Hänsel und Gretel aber amüsieren sich prächtig.

Zur Schlafenszeit hat die Mutter einen Termin. Gretel möchte gerne am nächsten Tag wieder in den Kindergarten gehen, die Mutter aber bezweifelt, dass das Testergebnis rechtzeitig vorliegen wird. Daher dürfen die Kinder bis nach dem Termin aufbleiben. Sie toben um die Mutter und stellen eine einzige Spielregel auf: Wer an der Mama vorbeikommt, gibt ihr ein Küsschen. Eindeutig das neue Lieblingsspiel der Mutter.


Erzähl von mir!