Der erste Tag seit über 3 Monaten, an dem beide Kinder gleichzeitig in ihrer Einrichtung sind. Die Mutter kann es immer noch nicht fassen. Vollkommen überfordert ist sie mit der leeren Wohnung, ohne kurzen Plausch mit ihrem Sohn zwischen zwei Tätigkeiten. Ohne kleine Kuscheleinheit mit ihrer Tochter.

Im Moment schlafen beide Kinder noch, die Mutter liegt wach in ihrem Bett und kann ihr Glück kaum fassen. Zu sehr möchte sie sich jedoch nicht freuen, zu groß die Angst, dass wieder einer der beiden vorzeitig abgeholt werden muss.

Wenig später sind beide Kinder in ihrer jeweiligen Einrichtung untergebracht, sie selbst kehrt in die leere Wohnung zurück. Es fühlt sich komisch an.

Die Mutter startet den Laptop und die Kaffeemaschine. Und sitzt einsam an dem für sie allein viel zu großen Tisch. Draußen wechseln sich Sonne und Schnee(regen) ab, innerlich sieht es ähnlich aus. Zwischen himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt sitzt die Frau an ihrem Rechner und weiß nicht, ob sie die Kinder vermissen oder sich über die kinderfreie Zeit freuen soll. Sie könnte so vieles schaffen an diesem Tag, konzentrieren aber ist den Vormittag über nicht möglich.

So sitzt sie vor dem Bildschirm und schreibt ihre Geschichten. Sie liest Korrektur, fügt Dinge hinzu und entfernt andere Sachen. Zwischendurch drückt sie auf das Knöpfchen der Kaffeemaschine. So vergeht der erste Vormittag seit über drei Monaten, an dem die Mutter vollkommen allein an ihrem Arbeitsplatz sitzt.

Mittags ist Hänsel wieder zurück und mit einem gemeinsamen Mittagessen starten die beiden in den Nachmittag. Sie unterhalten sich, sie machen Quatsch und sie besprechen Dinge, bis die Mutter Gretel abholen muss.

Im Kindergarten angekommen überfallen Gretel und eine Freundin ihre Mütter. Die Mütter sind ein wenig überfordert, die Mädchen aber glücklich: Sie dürfen schon ganz bald wieder miteinander spielen.

Auf dem Heimweg ziehen dunkle Wolken am Himmel auf. Auch um Gretel herum wird es dunkel. Beim Balancieren stürzt die Kleine und weint ganz bitterlich. Zuhause müssen daher eine heiße Milch mit Honig und das ersehnte Eier-Bemalen für Ablenkung sorgen.

Abends haben Hänsel und die Mutter einen Termin, Gretel malt weiter. Beide Kinder flippen aus, als sie den Schnee draußen sehen. Jeder auf seine Weise: Gretel freut sich, Hänsel ist genervt. Ändern können sie nichts, die Mutter muss lachen.

Im Anschluss bekommt Hänsel seine täglichen fünf Minuten. Er robbt über den Boden, leidend und als alter Mann, verlangt nach seiner Schwester, deren Blut er trinken möchte, um die ewige Jugend zu erlangen. Die Mutter bekommt Bauchschmerzen vor Lachen, Gretel kann den Blödsinn im Wohnzimmer nicht mehr ertragen und verschwindet in ihr Zimmer.

Bald ist Schlafenszeit. Morgen ist Hänsel wieder im Home-Schooling.


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