Der gestrige Abend eskalierte etwas. Es flogen Sachen durch die Wohnung, gefolgt von bösen Aussagen und Bekundungen tiefer Gefühle. Um Liebe ging es dabei nicht.

Die Kinder wurden ins Bett geschickt, die Mutter freute sich auf Intrigen, Mord und Totschlag. Nach nur zwei Folgen merkte sie jedoch, dass sie sich nicht daran erfreuen, nicht einmal darauf konzentrieren kann. Blieb nur noch eins: ihre große Liebe. Wenn Michael Jackson es nicht healen kann, dann hat sie ein richtiges Problem.

Bis tief in die Nacht saß die Mutter nun so da, schaute sich Live-Konzerte und Musikvideos an und merkte, wie ihre schlechte Laune langsam verschwand.

Viel zu spät ist sie eingeschlafen.

Das merkt sie heute Morgen deutlich. Als der Wecker klingelt, schaut Gretel, die irgendwann zwischen Konzertende und jetzt zu ihrer Mutter gekrochen sein muss, sie entsetzt an. „Mami, ich bin noch müde, lass mich schlafen!“ Oh ja, mein Baby, ich fühle dich. Auch die Mutter würde sich gerne noch einmal umdrehen und weiterschlafen. Acht Wochen wären für den Anfang wahrscheinlich ausreichend.

Stattdessen steht sie auf. Kalt ist es. Aber sie friert immer, wenn sie müde ist. Erstmal Kaffee.

Sie schlurft in die Küche. Sieht immer noch aus wie Sau. Sie erinnert sich an den gestrigen Abend und die Eskalation. Schnell hier raus. Sie hat keine Lust auf schlechte Laune.

Sie startet den Rechner. Genau genommen sogar die Rechner. Denn neben der Arbeit hat sie heute auch noch private Dinge, bzw. einen anderen Job zu erledigen. Lust hat sie überhaupt keine.

Geschäftliche Mails sind kaum da, das ist gut. In ihrem privaten Account jedoch geht der Punk ab: Hänsels Lehrerin, der Elternbeirat der Schule, die Musikschule von Gretel gleich mehrfach, dazu Newsletter und die Erinnerung, dass sie sich ja eigentlich auf der Suche nach einem neuen Job befand. „Wir haben keine passenden Suchergebnisse.“ Das, lieber Anbieter, habt ihr schon weit Wochen.

Schnell schließt sie den Account. Immer noch möchte sie auf schlechte Laune verzichten.

Sie bereitet sich auf das Meeting vor. Zwei Stunden wird sie damit verbringen. Während dieser Zeit werden die Kinder aufwachen. Es überkommt sie ein unangenehmes Gefühl. Hoffentlich wird das kein Desaster.

Natürlich wird es ein Desaster. Die Kinder räumen die Küche auf ihre Art auf: Erst stehen sie halb singend, halb streitend an der Spüle. Dann fällt die Hälfte des abzuspülenden Geschirrs runter. So kann man’s auch machen. Die Zurufe, sie würde bei ihrem Call schon gerne auch etwas verstehen, tätigt die Mutter ohne Stummschaltung. Gelächter an den anderen Enden der Leitung. Auch Gretels Knutschis werden begeistert von allen registriert.

Nach langen einhundertfünfzig Minuten ist der Call beendet. Die Kinder holen sich Alexa in die Küche, befehlen der Gutesten, sie möge Michael Jackson abspielen. Tut sie. Die Kinder singen und tanzen. Die Mutter sitzt am Rechner, lauscht ihrer großen Liebe und den beiden Lieblingsmenschen und überlegt, welche unliebsame Aufgabe sie in der verbleibenden Arbeitszeit erledigen soll. Sie würde lieber laufen gehen.

Die Mutter macht eine Pause.

Feierabend. Sie möchte raus. Hänsel möchte zuhause bleiben und aufräumen. Soll er.

Gretel möchte den Roller und die Oma mitnehmen. Soll sie. Zwei Stunden spazieren sie in der windigen Sonne.

Wieder daheim steht Hänsel an genau dem gleichen Platz wie zwei Stunden zuvor. Die Mutter findet das nicht so toll. Er findet die Reaktion seiner Mutter nicht so toll. Eskalation.

Wütend packt er seine Sachen und geht einkaufen. Den Mundschutz bis fast zur Stirn gezogen stapft er von dannen. Das „Ich liebe dich, mein Schatz!“ seiner Mutter ignoriert er.

Gretel freut sich indes auf den nächsten Tag. Sie geht mit ihrer Mutter das Osternest aus dem Kindergarten abholen, das der Osterhase dort für sie abgegeben hat. Aufgeregt und voller Vorfreude malt sie ein Bild für ihre Erzieherin und hüpft wild durchs Wohnzimmer.

Die Mutter, immer noch bierfrei, hat Hunger. Für Hänsel und Gretel hat sie vom Spaziergang Kuchen mitgebracht, sich selber macht sie das neue Lieblingsessen.

Ein Blick auf die Uhr verrät, lange muss sie nicht mehr durchhalten. Gleich ist Schlafenszeit. Zeit für Intrigen, Mord und Totschlag. Zeit zum in die Decke kuscheln. Von Urlaub träumen. Und Zeit für sich. Und einer ordentlichen Wohnung.