Als die Mutter aufwacht, ist es vollkommen ruhig in der Wohnung. Erst bei genauerem Hinhören sind die Stimmen einer Geschichte zu vernehmen. Sie selbst verhält sich ebenfalls ruhig.

Hänsel hat sich am Vorabend abermals selbst übertroffen. Anstatt das Geschirr von der Küchenablage abzuspülen, wie es die Mutter klar und deutlich formuliert hat, räumt er sämtliche Schränke aus. Warum, kann er nicht sagen. Zum Aufräumen aber hat er keine Lust.

Die Mutter würde am liebsten ihre Sachen packen und ausziehen. Stattdessen lässt sie den Jungen in der Küche zurück und geht ihren eigenen Aufgaben nach. Als sie später nach ihm sieht, liegt er im Schrank und schläft. Sie nimmt ein Foto auf, speichert es im Ordner „unbedingt Hänsels erster Freundin zeigen“ und legt sich ins Bett.

Nun also ist es morgens. Eher mittags. Die Kinder spielen leise in einem der Kinderzimmer, die Mutter liegt leise in ihrem Bett. Irgendwann, es kommt der Frau wie eine Ewigkeit vor, macht sie sich bemerkbar und die Kinder kommen zum Kuscheln zu ihr.

Etwa fünf Minuten trautes Familienglück erleben die drei. Gretel hat Hunger. Die Mutter sieht ihren Sohn an und erkundigt sich, ob sie sich in der Küche bewegen könne. Ertappt schüttelt er den Kopf. Damit steht fest: Hänsel bereitet das Frühstück zu.

Im Wohnzimmer sorgt die Mutter indes für Sauberkeit. Nebenbei erzählt sie den Kindern, dass es beim Wasserschaden in der kommenden Woche nun endlich in die nächste Runde gehen wird. Erneut sind Handwerker für eine Begutachtung angekündigt. Die Küche muss also begehbar sein.

Doch sie vernimmt keine Frühstück-mach- oder Aufräum-Geräusche aus dem. Nebenraum, es sind lediglich Schimpftiraden zu hören.

Gerade in dem Augenblick, als die Mutter erneut in Gedanken ihren Koffer packt und eine one-way-Reise nach einfach-nur-weg antritt, erhält sie eine Nachricht. Ihre eigene Mama möchte wissen, was sich die Frau zum Geburtstag wünsche. Eine Idee hat das baldige Geburtstagskind, ob die Großeltern allerdings so begeistert wären, anstatt eines Enkels künftig einen Ziehsohn zu haben, bezweifelt sie stark.

Die Zeit vergeht, die Kinder kommen mit ihren Aufgaben dennoch nicht vorwärts. Abends platzt der Mutter der Kragen. Sie zieht die angedrohte Konsequenz durch und verfrachtet beide Kinder in ein Zimmer. Die mehrmalige Drohung dahingehend haben weder der pubertäre Junge noch seine Vorschulschwester ernst genommen. Nun also müssen sie sich ein Zimmer teilen. Aus dem anderen Kinderzimmer wird ein kinderfreies Zimmer mit Zugansgverbot. Wann immer die Mutter sich darin aufhält ist es für die Kinder so, als wäre sie nicht anwesend.

Gretel weint, weil sie nicht zu ihrer Mama darf.
Hänsel weint, weil er ein Zimmer mit seiner Schwester teilen muss.
Die Mutter weint, weil sie nicht glauben kann, dass sie tatsächlich so weit gehen muss.

Sie beginnen das erste gute-Nacht-Ritual im gemeinsamen Kinderzimmer. Alle drei sind traurig, alle drei werden lange noch nicht schlafen.


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