400 Tage sind es nun, dass die Familie und mit ihr sowohl das Bundesland, die Republik, der Kontinent und die gesamte Welt in einem Ausnahmezustand befinden.

An diesem Morgen klingelt der Wecker besonders früh. Gretel möchte mit den Großeltern frühstücken und gemeinsam mit der Oma deren Sportprogramm absolvieren. Dafür muss sie sich an ihren Zeitplan halten, was wiederum bedeutet, dass alle früh aufstehen müssen. Denn anders als die Familie sind die Eltern der Mutter Frühaufsteher. Ein komisches Volk und den dreien doch eher suspekt, aber das hilft nichts. Wenn Gretel mitmachen möchte, muss sie sich an die Vorgaben halten.

Während das bei der Vereinbarung noch kein Problem war, findet das Mädchen es morgens schon nicht mehr ganz so schön. Dennoch zieht sie sich an, benötigt im Anschluss jedoch eine extralange Kuscheleinheit mit ihrer Mama. Die bekommt sie. Die Mutter bekommt einen Extra-Kaffee und Hänsel, nun ja, der hat bereits etwas bekommen: Husten.

Macht aber nichts, da er sich diese Woche sowieso im Distanzunterricht befindet und es nicht danach aussieht, als würde es die nächste Woche anders werden. So sitzen die beiden nun gemeinsam in ihrem neuen Arbeitszimmer und lernen. Hänsel Mathe und Deutsch, die Mutter ihre Sachen. Sie möchte die nächste Prüfung möglichst bald ablegen, um dann ins nächste Modul starten zu können. Das Thema dieses Moduls ist die Pubertät – könnte also durchaus spannend werden. Und vielleicht lernt sie etwas, das ihr bei den aktuell häufigen Auseinandersetzungen mit ihrem eigenen Pubertier hilft. Zumindest ist das ihre Hoffnung.

Während der Vormittag gut läuft, die beiden neben ihrem Programm auch Späße machen und lecker essen, endet der Schultag in einem Desaster. Hänsel erhält einen Schulverweis. Die Lehrerin hat in den letzten Wochen zahlreiche Versuche der Kommunikation angeboten, auch die Mutter betonte immer wieder, dass sie für Hilfestellung zur Verfügung steht. Dass es nun die angedrohte Konsequenz gibt, entsetzt den Jungen. Er kann es sich nicht erklären, hält sich aber mit Ausreden zurück. Die Mutter kommentiert dem Jungen gegenüber den Verweis nicht, tauscht sich kurz mit der Lehrerin aus und erledigt weiter ihre Dinge. Inklusive der heimischen Konsequenz, die sie mehrfach angekündigt hat, sollte die Schule sich abermals bei ihr melden.

Der Junge ist entsetzt. Er versteht die Welt nicht mehr und verschwindet stillschweigend im Kinderzimmer. Aus dem Mutter-Sohn-Nachmittag wird im Handumdrehen eine zusätzliche Lerneinheit für die Mutter. Mit einem anschließenden Donnerwetter. Denn die am Vortag erst einigermaßen in Ordnung gebrachte Küche müllt der Junge im Handumdrehen wieder zu; anstatt seine Bücher in das Bücherregal im neuen Kinderzimmer zu stellen, spielt er lieber und Hausaufgaben, welch Überraschung, hat er angeblich nicht auf.

Als später seine Schwester nach Hause kommt, entspannt nach ihrer Auszeit von Mutter und Bruder, bekommt das Mädchen all die schlechte Laune des Pubertiers ab. Dass die Mutter nebenan dabei ist, ihre Prüfung anzulegen, interessiert niemanden.

Die mütterlichen Gedanken schweifen erneut zu einem großen Koffer, mit dem sie sich one-way auf eine Reise begeben möchte.


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