Am Vortag hat die Mutter ihrem Sohn versprochen, dass sie ihm einen PC einrichtet. Bislang hat er über Handy und Tablet am Distanzunterricht teilgenommen, nun aber erlaubt die Frau das nicht mehr. Er soll sich konzentrieren und nicht abgelenkt werden, wenn andere ihm Nachrichten schicken oder seine heimlich installierten Spiele zockt.

Der Junge holt den verwaisten Tower aus dem Keller, allerdings ist die Mutter am Abend nicht mehr gewillt, diesen auch einzurichten. Das bereut sie morgens. Sie steht viel zu spät auf, weckt Hänsel, macht sich einen Kaffee und setzt sich dann an den PC. Es dauert eine Weile und es fordert einige Opfer, aber schon bald ist das Gerät einsatzbereit. Allerdings im Flur, da sie auf die Schnelle das lange LAN-Kabel nicht findet. Der Junge findet das cool. Die Mutter nicht so, aber das macht nichts.

Sie findet es auch nicht cool, dass sie nun keinen zweiten Bildschirm und keine Maus mehr hat. Wie lange hat sie schon nicht mehr mit dem Touchpad des Laptops gearbeitet? Fast ebenso lange hat sie nicht mehr nur auf einen Screen gesehen.

Passend dazu fällt ihr die gestrige Lerneinheit über Multitasking ein. Heute also wird sie sich fokussieren, Solotasking. Jetzt erst einmal die Organisation eines Bildschirms und einer zweiten Computermaus.

Nach Schulschluss dauert es keine 20 Minuten, bis beide Kinder durchdrehen. Während den Vormittag Ruhe und Einigkeit herrschte, dröhnt mittags ein lautstarker Streit aus dem Kinderzimmer. Wörter wie Ziege, dummer Zwerg, Trottel und Vollidiot fallen, dazu Geschrei und Wutausbrüche. Angestrengt versucht die Mutter, diese Explosion zu ignorieren. Das wird nicht der einzige Ignorier-Versuch an diesem Tag bleiben.

Nachmittags gehen sie raus. Viel später als angedacht und aus der geplanten Besorgung mit anschließendem Spaziergang wird eine Besorgung mit anschließendem Nachhausegehen. Die Kinder streiten weiter, die Mutter ignoriert weiter. Ob die Kinder ihre to dos, auf Grund derer sie den Spaziergang haben ausfallen lassen, zum vorgegebenen Zeitpunkt erledigt haben, bezweifeln sie alle. Die daraus resultierenden Konsequenzen steigern Hänsels Laune ins Unermessliche. Seit sechs Tagen ist ihnen die Deadline heute Abend bekannt, seit sechs Tagen haben sie die Aufgabe ignoriert. Jetzt ist es an der Mutter, das Gejammer und Rumgestresse ihres Erstgeborenen zu ignorieren.

Die Frist ist überschritten, die Mutter weiterhin still. In Hänsels Geschrei ist die Verzweiflung deutlich zu hören. Gretel hingegen versteht seine Wut nicht. Sie verlässt das Kinderzimmer und kehrt erst wieder zurück, als ihr Bruder sich beruhigt hat. Er geht kochen. Kein Wort zur überschrittenen Deadline, keine Wort zu überhaupt irgendetwas. Die Mutter gibt weiterhin keinen Ton von sich. Sie hört den Jungen in der Küche den gewünschten Salat zubereiten und freut sich auf das Essen. Und einen Abend ohne Kinder. Nicht, weil diese unterwegs sein werden, sondern weil sie beschlossen hat, sie früh und ohne Kuschelkino ins Bett zu schicken, sobald sie gegessen haben.


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