Der Tag beginnt.

Gretel kommt zur Mutter getapselt, kuschelt sich neben sie, nimmt sie in den Arm und schläft wieder ein. Die Mutter hingegen ist wach. Sie nimmt ihr kleines Mädchen in den Arm, deckt sie ordentlich zu und beobachtet sie beim Schlafen.
Sie liebt diesen kleinen Menschen so sehr.

Weiteres Tapseln ist zu hören. Hänsel möchte die Tür schließen. Die Mutter hatte gestern eindringlich darum gebeten, heute ausschlafen zu dürfen, daher möchte er nun die Geräuschkulisse minimieren. Das verschlafene „Guten Morgen, mein Schatz“ seiner Mutter bringt ihn völlig aus dem Konzept. Er lässt die Tür offen und tapselt zurück in seine Höhle. Geräuschfrei.
Die Mutter liebt auch dieses, nicht mehr ganz so kleine, Menschlein sehr.

Und so liegt sie nun in ihrem Bett. Wach. Müde. Ohne Kaffee. Ihre Kinder liebend.

Eine Stunde später liegt sie immer noch so da. Wach. Müde. Ohne Kaffee. Ihre Kinder liebend.

Sie ordert einen Kaffee. Hänsel bringt ihn ihr. Nachdem er sich anfangs gesträubt hat, verspricht er seiner Mutter den besten Kaffee, den sie jemals getrunken hat. Sie ist gespannt. Er rennt gegen die Couch. Gretel wacht auf und möchte wissen, was Karma ist. Alle drei lachen.

Hänsel macht Kaffee. Gretel träumt. Die Mutter braucht Kaffee.

Der Kaffee ist definitiv nicht der beste, den sie jemals getrunken hat. Was auch immer Hänsel damit angestellt hat, die Mutter möchte einen neuen. Bekommt sie. Der ist lecker.

Die Kinder verschwinden erst ins Kinderzimmer, bevor sie wieder zurück kommen und entsetzt feststellen, dass sie so einen Hunger haben. Aufmerksam fragt Gretel ihre Mutter, ob sie auch ein Müsli möchte. Tut sie nicht. Aber einen Kaffee hätte sie gerne. Bekommt sie.

Gretel geht sich schminken. Mit rotem Lippenstift quer über die untere und schwarzer Wimperntusche mitsamt Kajal über die obere Gesichtspartie verteilt springt sie freudig ihrer Mutter in die Arme. Ach herrje! Gegen das Schminken an sich hat die Mutter nichts, solange sie zu Hause bleiben. Was sie nicht mag, ist der Puder auf der hübschen, porenfreien Haut des jetzt-zählt-sie-nicht-mehr-als-Vorschulkind-Mädchens. Die kleine geht traurig zurück ins Badezimmer, um sich das Gesicht zu waschen.

Die drei beschließen, dass die Kinder nun Skaten üben. Genau genommen beschließen es die Kinder. Da die beiden demokratisch die Diktatur abgeschafft haben, ist die einstige Herrscherin des Hauses überstimmt und muss sich der Entscheidung beugen. Nicht mal im Schlafanzug darf sie raus, die Demokraten bestehen auf ordentlicher Kleidung. Was für eine Diktatur!

Beim Üben klärt Gretel die Mutter auf: Solange sie nicht skaten kann, wird sie niemals fit werden. Nur wer skatet und Obst isst, wird fit. Dass die Mutter viel Obst isst, manchmal joggt, viel radelt und gerne auf dem Trampolin hüpft, zählt nicht. Nur Skaten macht fit. Die Mutter hätte die Herrschaft niemals abgeben dürfen.

Sie singen „Jingle Bells“ und fahren zu Oma und Opa. Dort werden sie königlich mit Grillware und Nudelsalat verköstigt. Dazu gibt es Unterhaltung für das Volk.

Viel zu spät brechen sie wieder auf. Es ist fast schon dunkel, als sie zu Hause ankommen.

Die einstige Herrscherin befiehlt, die Zu-Bett-geh-Routine zu starten. Die demokratischen Diktatoren verüben einen Zwergenaufstand, beugen sich aber schließlich meckernd dem Befehl.

Da es Bier schon gab, geht auch die doch-noch-ein-bisschen-herrschende-Ex-Herrscherin ins Bett. Sie ist müde. Hänsel und Gretel nicht. Ins Bett werden sie dennoch verfrachtet. Könnte spannend werden.