Die inzwischen elfte Woche, in der die Kinder nicht wie gewohnt zur Schule und in den Kindergarten gehen dürfen, beginnt.

Eigentlich ist die Mutter davon ausgegangen, dass Gretel ab heute zurück in die Einrichtung darf. Dem ist nicht so. Gretel schläft, wie die letzten siebzig Tage, aus.

Hänsel muss um acht Uhr in der Schule sein und ist entsprechend gelaunt. Morgen beginnt sein Probeunterricht. Ende der Woche erfahren die drei, ob er auf seine favorisierte Schule gehen darf. Nach den Ferien wird sich auch sein Konzept des Präsenzunterrichts ändern, weil alle Jahrgangsstufen wieder in die Schule gehen dürfen. Voraussichtlich.

Die Mutter sitzt seit kurz vor sieben Uhr am Laptop. Ohne Kaffee. Sie muss erst Milch aus dem Keller holen, doch ihr schmerzender Rücken lässt das aktuell nicht zu.

Sie hat diese Woche einiges zu tun und wird mindestens einmal ins Büro müssen. Das wird sie abends tun, die Kinder werden wieder mitkommen. Dennoch wird sie versuchen, noch vor ihrem Urlaub Überstunden abzubauen. Sie braucht Zeit für sich und mit den Kindern.

Auch der Vater ärgert sie. Das gestrige Zurückbringen der Kinder kündigt er erneut lediglich dreißig Minuten vor dem Abgeben an. Die Mutter sieht er nicht an, schnell macht er wieder kehrt.

Zur Abholzeit der Ferien äußert er sich weiterhin nicht. Sind ja noch vier Tage bis dahin. Sein „Bis in zwei Wochen!“ in Richtung seines Nachwuchs‘ zum Abschied verheißt nichts Gutes.

Zuverlässigkeit gehörte noch nie zu seinen herausragendsten Eigenschaften.

Gestern bereits hat Hänsel ihn um die Info der Abholzeiten gebeten. Er mag Überraschungen nicht und weiß gerne, was auf ihn zukommt.

Am heutigen Morgen kommt auf den Vater daher ein Ultimatum zu. Wenn bis abends nicht die konkreten und verbindlichen Zeiten für den Umgang in den Ferien vorliegen, fällt dieser aus. Wie er das seinen Eltern, zu denen er die Kinder in seinem Anteil der Ferien prinzipiell bringt, erklärt, überlässt die Mutter entspannt ihm.

Schon die Kinder wissen, was Karma bedeutet.

Die Mutter geht Milch holen. Sie braucht einen Kaffee.

Wieder am Rechner sitzend hält sich die Motivation in Grenzen. Gretel schläft immer noch. Erst als die Mutter später ein Meeting hat, wacht das Mädchen auf.

Auch Hänsel ist inzwischen aus der Schule zurück. Es wird gekuschelt. Die drei liegen auf der Couch, nehmen sich gegenseitig fest in den Arm und knutschen sich reihum.

Anschließend bereitet Hänsel das Mittagessen zu. Nudeln mit Cordon Bleu soll es geben. Vitamine werden überbewertet. Der Sohn schmeißt seine Mutter, als diese sich einmischt, gnadenlos aus der Küche. Ihr soll es recht sein.

Die Mutter macht Feierabend. Eigentlich wollte sie abends mit den Kindern ins Büro fahren. Da sie Hänsel morgen zum Probeunterricht bringen wird, verschiebt sie den Bürobesuch auf diese Zeit.

Gretel putzt die Küche. Sollte einmal überraschend Besuch kommen und in die Küche gehen, möchte das Mädchen nicht, dass der Besuch das heillose Chaos vorfindet. Die Mutter lächelt das Kind an, nimmt es in den Arm und wird ihr niemals verraten, dass sicherlich zu keinem Zeitpunkt jemand überraschend zu Besuch kommen wird.

Die Mutter möchte, dass Hänsel morgen zum Probeunterricht eine Brotzeit mitnimmt. Da die drei heute keinen Ausflug oder Tour mehr machen werden – die Mutter möchte nicht schon wieder nass werden – bietet sich Hänsel als Einkäufer an. Darf er.

Traurig kommt Gretel zur Mutter. Warum sie nicht mit einkaufen gehen darf, möchte das kleine Mädchen wissen. Die Mutter überlegt. Das Mädchen strahlt sie freudig an. So sehr hofft die kleine, dass ihr die Mutter endlich erlauben wird, gemeinsam mit ihrem Bruder in den Supermarkt zu gehen.

Nach langem Überlegen stimmt die Mutter zu. Sie fühlt sich unwohl, wenngleich sie sicher ist, zwei verantwortungsvolle Kinder aufzuziehen. Die beiden freuen sich so sehr, als sie Hand in Hand die Wohnung verlassen.

Ihre Babies werden groß. Damit wird sich die Mutter anfreunden müssen. Und während sie so darüber nachdenkt, marschieren die beiden glücklich in den Laden.

Als die Kinder wieder zurück sind, ist die Mutter enttäuscht. Anstatt die Dinge zu kaufen, wegen denen sie losgegangen sind, ist die Einkaufstüte zur Hälfte gefüllt mit Schokolade. Es gibt ein Donnerwetter. Weder Obst noch Aufschnitt für das morgige Pausenbrot ist eingekauft, dafür aber ein Kilogramm Schokolade.

Hänsel weint. Er weiß auch nicht, wie das passieren konnte. Die Mutter geht. Wenn sie sich beruhigt hat, wird sie ihm mitteilen, dass er den Mist von seinem Taschengeld bezahlen kann, sie wird die Kosten nicht übernehmen. Gretel malt ihr Bild an der Balkontür weiter.

Abends sprechen Hänsel und die Mutter lange miteinander. Wie erwartet liegt das Problem an einer ganz anderen Stelle. An einer Stelle, an die die Mutter jedoch nicht hinkommt.

Der Junge nimmt seine Mutter in den Arm. Ganz fest drückt er sie an sich. Die Mutter erwidert die Umarmung. Sie würde dem Jungen so gerne helfen. Leider weiß sie nicht, wie. Sie versichert ihm, dass sie immer für ihn da ist. Dass er sich immer auf sie verlassen kann. Und dass sie ihn immer liebt.

Eine Nachricht von seinem Vater hat er nicht erhalten. Gleich ist Schlafenszeit.

Er geht seine Sachen für den Probeunterricht packen. Gemeinsam gehen sie durch, ob er an alles gedacht hat. Ein Füller fehlt. Wohl seit Wochen. Gesagt hat er nichts. Er düst zum Schreibwarengeschäft, um einen zu holen.

Fürchterlich aufgeregt ist er. Fürchterlich bemüht, niemanden ahnen zu lassen, wie aufgeregt er ist.

Die Mutter liebt ihn. Sie ist stolz auf diesen kleinen, großen Chaoten, der sie so oft in den Wahnsinn treibt. Und freut sich, wenn er gleich, mitsamt seiner Schwester, ins Bett verschwindet.