Morgens bekommt die Mutter auf einer social-media-Plattform eine Erinnerung angezeigt. An diesem Tag vor sechs Jahren konnte Hänsel seinen, zugegebenermaßen orthographisch nicht einfachen Namen, alleine schreiben. Sie lächelt beim Blick auf dieses Foto und sendet es ihm.

Seine Reaktion fällt anders als vermutet aus: er antwortet schlicht „Kaffee mach ich!“ und schon steht der vergnügte Junge in der Tür und bereitet seiner Mutter fröhlich einen Kaffee zu.

Sie unterhalten sich kurz, dann möchte der Blondschopf zurück in sein Zimmer. Er packt grade seine Sachen. Nur noch wenige Stunden, dann geht’s zu Oma und Opa in die große Stadt. Der Junge ist ganz aufgeregt, die Mutter ein klitzekleines bisschen wehmütig.

Nicht nur, dass ihre Kinder nun acht Tage lang nicht da sein werden. Sie liebt und vermisst die Stadt der Großeltern ebenfalls. Die Kinder haben schon mehrfach gefordert, sie solle mitkommen. Beim nächsten Mal buchen sie wieder eine Wohnung und fahren gemeinsam.

Auch Gretel wird kurz nach ihrem Erwachen feststellen, dass sie noch ein paar Sachen zu packen hat und aufspringen, um das zu erledigen. Davor aber erzählt sie ihrer Mutter, dass sie von der Uroma geträumt hat. Diese hat noch gelebt und sie in den Arm genommen. Dann ist sie zu einem strahlend weißen Engel geworden, der auf die drei aufpasst. Puh.

Gretel wacht für ihre Verhältnisse sehr früh auf. In den Klamotten des Vortags. Im Bett der Mutter. Auch die Mutter trägt noch den Hoodie und die Leggings von gestern. Völlig entkräftet ist sie eingeschlafen, während die Kinder erst „Das kleine Gespenst“ und später „Sheldon“ – sie benennen Serien gerne nach einem der Akteure – geschaut haben. Wie lange, weiß sie nicht.

Auch jetzt fühlt sie sich nicht fit. Alles tut ihr weh. Bewegen möchte sie sich am liebsten nie wieder. Das geht nun schon seit ein paar Tagen so. Radeln möchte sie heute dennoch. Das wird ihr gut tun. Wohin, weiß sie noch nicht.

Die Kinder packen fröhlich aufgeregt ihre Sachen. Um halb zwölf soll ihr Abenteuer beginnen. Vor lauter Vorfreude auf die Großeltern stehen die beiden bereits fünfzehn Minuten vorher startklar hinter der Wohnungstür.

Die Mutter weint, wie jedes Mal. Der Abschied von ihren Kindern fällt ihr sehr schwer. Sie freut sich für die beiden und sie freut sich auch für sich. Doch Abschied kann sie einfach nicht.

Die aufgedrehten Kinder möchten vor dem Haus auf ihren Vater warten. Wie immer wird er seine Kinder zu seinen Eltern bringen und selber dann die Zeit wie immer ohne Nachwuchs verbringen.

Wie immer ist er nicht pünktlich.

Die Kinder spielen entspannt vor dem Haus. Jedes Auto, das um die Ecke biegt, wird mit einem sehnsüchtigen und hoffnungsvollen Blick aus Hänsels Augen empfangen. Nach jedem Auto trifft die Mutter ein trauriger Blick ihres Sohnes. Es war wieder nicht der Vater.

Erst dreißig Minuten nach der konkret und verbindlich vereinbarten Uhrzeit erkennt Hänsel das väterliche Auto.

Die Begrüßung seitens des Jungen ist verhalten. Auch von seiner Tochter wird der Vater lediglich mit „Ich freu mich so auf Oma und Opa!“ empfangen. So hatte sich der Vater das sichtlich nicht vorgestellt. Was er erwartet hat, ist unklar.

Im Entenmarsch ziehen die drei von dannen. Die Mutter sieht ihren Kindern noch ein wenig nach, kehrt dann zurück in die nun leere Wohnung. Sie weint.

Sie wird solange traurig sein, bis sie die Nachricht erhalten wird, dass die Kinder gut in der großen Stadt angekommen sind. Das ist jedes Mal so.

Seit fünf Jahren fahren die Kinder jährlich zwei bis drei Mal zu ihren Großeltern. Im Gegensatz zu deren Sohn kümmern sie sich hervorragend um die beiden und haben sie gerne bei sich.

Das perfekte Fahrradwetter nutzt die Mutter. Für Hausarbeit. Für Kaffee auf dem Balkon. Für ihr Projekt. Für Gedanken, wie es in einigen Bereichen ihres Lebens weitergehen soll. Für extra-Schlaf.

Einkaufen wird sie nicht mehr gehen. Essen wird überbewertet. Gibt’s eben Nudeln, oder nichts. Kennt sie ja.