Mira arbeitet in einem Unternehmen, das sich Menschlichkeit und soziales Miteinander intern wie extern auf die Fahne schreibt. Sie arbeitet gerne dort, der Job macht ihr Spaß.

Als auf Grund der Pandemie im Frühjahr 2020 alle Kinderbetreuungseinrichtungen geschlossen werden, reagiert ihr Vorgesetzter schnell: Sie wird ins Home Office geschickt und darf alle Arbeiten von zu Hause aus erledigen.

An diesem Punkt beginnt die Leidensgeschichte. Denn Mira ist alleinerziehend mit einem Schulkind. Einem Grundschulkind. Einem Grundschulkind, das nun zu Hause beschult werden muss.

Während sie versucht, ihrem Arbeitgeber gerecht zu werden, soll ihr Drittklasskind die von der Lehrerin zur Verfügung gestellten Aufgaben erledigen. Das Kind ist überfordert mit den vielen Blättern und der Selbstorganisation.

Mira probiert, Arbeit und Hausaufgaben unter einen Hut zu bringen. Sie erstellt einen Tagesplan, was wann dran ist.

Sie steht morgens sehr früh auf und beginnt noch im Dunkeln zu arbeiten. Sobald das Kind aufwacht, frühstücken die beiden gemeinsam. Anschließend soll Tamara, das Drittklasskind, ihre Hausaufgaben erledigen. Mira sitzt daneben und steht für Fragen zur Verfügung, während sie selbst ihrer Arbeit nachgeht. Die beiden harmonieren, anders als im sonstigen Alltag, gar nicht miteinander.

Mira kann ihrer Tochter die Aufgaben nicht anders erklären als sie es bereits seit Stunden tut. Tamara versteht es dennoch nicht und kann sich auch schon nicht mehr konzentrieren. Der Chef von Mira erwartet zeitgleich, dass sie ihre Arbeit macht. Der Haushalt muss ebenfalls erledigt werden.

Immer häufiger streiten Mutter und Tochter. Sie beide sind überfordert. Sie beide wissen nicht mehr weiter.

Bei der Ankündigung, dass Tamara endlich wieder in den Präsenzunterricht gehen darf, sehen sie Licht am Ende des Tunnels.

Die Hiobsbotschaft, dass das Kind lediglich blockweise in die Schule gehen wird und die Wochenstunden auf 15 Unterrichtseinheiten gekürzt sind, freut zwar Tamara, bereitet Mira aber Bauchschmerzen. Dennoch sieht sie dem Ganzen positiv entgegen, denn so wird sie im Home Office zumindest an den Unterrichtstagen einiges schaffen können.

Doch sie hat nicht mit ihrem Chef gerechnet. Dieser erwartet ab dem ersten Unterrichtstag ihre 100 prozentige Anwesenheit im Büro. Dass er selbst einige Tage im Home Office arbeiten wird, spielt ebenso wenig eine Rolle, wie dass Mira dafür ihr Drittklasskind alleine zu Hause lassen muss.

Die kalte Ansage seitens des Chef, sie solle das Kind dann doch bitte in die Notbetreuung geben, ist der blanke Hohn. Denn es existiert für Schulkinder gar keine Notbetreuung mehr. Sie sind ja alle wieder in der Schule.

Eine Anschlussbetreuung hat Mira für Tamara nicht benötigt. Jetzt bekommt sie keinen Platz für ihr Kind. Selbst wenn sie einen bekäme, dürfte Tamara dort nur an ihren Schultagen hin.

So also verletzt Mira tagtäglich, wenn sie Tamara an unterrichtsfreien Tagen alleine zu Hause lässt, ihre Aufsichtspflicht und muss die Aufgaben, die das Kind dennoch erledigen muss, im Anschluss an ihren stressigen Arbeitstag mit dem Kind gemeinsam erledigen.

Das Ende der Geschichte ist, dass Mira nach insgesamt vier Monaten dieser Doppelbelastung mit einem Burn Out vom Arzt aus der Situation herausgenommen wird und ihrem Chef nun auf unbestimmte Zeit gar nicht mehr zur Verfügung stehen wird.