Es ist wieder einmal so weit, Markus darf eine Zugreise antreten. Wie immer hatte er im Kleinkindabteil reserviert, so dass das Reisen so angenehm wie möglich werden könne.

Er reist häufig, immer hat er seinen kleinen Sohn dabei. Auf seinen Reisen erlebt er häufig Geschichten, die ihn hoffen lassen, in der nächsten Zeit keinen Zug mehr besteigen zu müssen. So auch an diesem schönen Frühlingstag.

Die Hinfahrt

Die Reise zu seinem Ziel war schön. Eine Mutter mit zwei Jungs, unwesentlich älter als sein Sohn, sitzt mit im Abteil. Während die Kinder ausgiebig miteinander spielen und die beiden Erwachsenen unterhalten sich nett.

Zu diesem Zeitpunkt weiß er noch nicht, was ihn bei seiner Rückreise erwarten würde und er die Hinfahrt besser noch mehr genießen sollte. Denn die Rückfahrt soll zu einer Tortur werden.

Ritus, lass das!

Kaum ist Markus ist am Tag seiner Rückreise in den Zug eingestiegen und sitzt wieder im Kleinkindabteil, steigt eine Mutter mit ihrem ebenfalls kleinen Kind ein. Er freut sich und hofft auf ein weiteres nettes Gespräch, zumal schon ein Elternpaar mit einem kleinen Jungen im Abteil sitzt.

Über den Dialekt der neu hinzu gestiegenen Mutter kann man geteilter Meinung sein, ebenso über den grandiosen Namen den ihr Sprössling sein eigen nennen darf: Ritus.

Aber Markus ist aufgeschlossen und sieht den nächsten Stunden immer noch entspannt entgegen.

Doch schon weniger Augenblicke später ist er sich sicher: Vergessen wird Markus den Namen nie wieder.

Diese Befürchtung wird in den kommenden Stunden bekräftigt. In dem langen Zeitraum, den er mit dieser Mutter auf engstem Raum verbringen darf, hat er das Glück, diesen außergewöhnlichen Namen schon an die 100 Male zu hören: Ritus, setz dich hin. Ritus, lass mal die Hände abwaschen. Ritus mach mal den Mund auf. Ritus hier und Ritus da.

Nicht nur, dass es keine Minute gegeben hat, in der der Name nicht erwähnt wurde, weil Ritus einfach gar nichts darf, nein, es gab auch nicht eine einzige Minute, in der gar nichts gesagt worden ist.

Kinder kann und soll auch jeder auf seine Art erziehen. Die hier eindrucksvoll präsentierte Gluckenvariante gepaart mit einer fürchterlichen Pieps-Stimme ist allerdings sicher nicht die Art, die Markus bevorzugen oder anwenden würde.

Dass er aber einer solchen Glucken-Mutter par excellence bei der Ausübung ihrer Aufgabe zuhören darf, ohne auch nur die Möglichkeit zur Flucht zu haben, hat ihn um eine Erfahrung reicher gemacht.