Jessie ist auf Jobsuche. Auf einem bekannten Kleinanzeigen-Portal schaltet sie ein Gesuch. Sie schreibt alle ihr wichtigen Angaben ins Inserat.

Sie möchte eine Teilzeit-Anstellung. Sie möchte nur in den ihr bekannten Arbeitsbereichen tätig werden. Sie möchte lediglich eine bestimmte Stunden- und Tagesanzahl arbeiten. Außerdem hat sie konkrete Vorstellungen von ihrem Verdienst.

Nun steht sie dort im Internet, ihre Anzeige. Es dauert nicht lange, bis die ersten Anfragen kommen.

Ein netter Herr bietet ihr eine Tätigkeit in einem der von ihr erwähnten Bereiche an. Vollzeit. Sie erklärt ihm, dass das keinesfalls und unter keinen Umständen für sie in Frage kommt.

Sie möchte bitte dennoch ihren Lebenslauf schicken. Das macht sie gerne.

Mehrmals telefoniert sie mit einer Kollegin des Herren.

Nach einigen Telefonaten erhält sie eine Mail mit einem Personalfragebogen. Ziemlich unverschämte Fragen finden sich darin. Die Frage nach der Tätigkeit der Lebenspartnerschaft ist noch die harmloseste.

Jessie beantwortet die Teile des Bogens, die juristisch und moralisch vertretbar sind. Sie gibt aber weder ihre Konfektionsgröße, noch etwaige Vorerkrankungen oder Informationen zum Wehrdienst an.

Es wird auch der Stundensatz abgefragt. Diesen hatte Jessie bereits in ihrer Annonce, auf die sich das Unternehmen gemeldet hat, vermerkt. Jessie trägt ihn in den Bogen ein.

Entsetzt meldest sich eine Mitarbeiterin des Unternehmens und zickt Jessie an, dass sie keinen Freelancer suchen, sondern eine Festanstellung zu vergeben haben.

Entsetzt antwortet Jessie, dass ihr Stundensatz als Freelancer auch dreimal so hoch ist wie die angegebene Forderung und sie sich vollkommen bewusst ist, dass es sich um eine Festanstellung handelt.

Noch entsetzter zickt die Dame Jessie an, ob sie denn ihren Stundensatz nicht anpassen könne.

Inzwischen hat Jessie Spaß an dem Gespräch gefunden. Sie fragt, wo genau sich die Stelle denn befinden würde. Als hätte sie nach den Lottozahlen der nächsten siebzehn Ziehungen gefragt, ist die Dame am anderen Ende der Leitung nun vollkommen außer sich.

Sie habe ihr doch soeben mitgeteilt, dass Jessie einen Fahrtweg von achtzehn Minuten hätte. Zumindest sagt Google Maps das. Denn zu den Arbeitszeiten sagt die Dame ebenso wenig wie zu allem anderen, die vermeintliche Stelle betreffend. Sie wird immer lauter.

Das kann Jessie überhaupt nicht leiden. Sie lässt die Dame wüten, fragt sich währenddessen, was denn eigentlich ihr Problem ist. Sie kommt erst wieder zum Gespräch zurück, als sie, offenbar nicht zum ersten Mal, unfreundlich aufgefordert wird, mit dem Stundensatz herunterzugehen.

Das möchte Jessie nicht. Das findet die Dame blöd. Noch blöder findet sie, dass Jessie sie fragt, was sie denn bereit sind zu zahlen. Eventuell könnte man ja zusammenkommen. So die Worte, die aus Jessies Mund kommen, in Gedanken hat sie das ganze Theater bereits abgeschrieben.

Nach langem Zögern und Herumdrucksen nennt die Dame eine Zahl. Genauer gesagt wird eine „Wir bezahlen unter“ – Grenze genannt. Jessie fällt vom Glauben ab!

Diese Obergrenze liegt schon fünfundzwanzig Prozent unter dem von Jessie genannten Satz. Wenn sie nun auch noch darunter bezahlen, was soll das Ganze dann?

Warum hat der Kollege sie überhaupt kontaktiert? Warum musste sie nun kostbare Lebenszeit verschwenden, wenn doch von Anfang an klar war, dass es keinen Kompromiss geben wird?

Die Dame am anderen Ende der Leitung wird ähnlich gedacht haben. Mit der schnippischen Information, dass sie sich wieder melden würde, wenn sie eine Anstellung in Jessies finanziellem Vorstellungsbereich haben, legt sie auf.

Jessie blockiert die Nummer und fügt die Mailadresse des Unternehmens der Blacklist hinzu.