Die Nacht war kurz, doch nach einem weiteren Schläfchen ist die Mutter vormittags einigermaßen ausgeschlafen.

Ihr Handy verrät ihr, dass ihr Fahrrad inzwischen fertig und zur Abholung bereit ist. In Gedanken plant sie, es heute abzuholen und eine Runde zu fahren. Mit Helm, so wie sie es den Kindern versprochen hat.

Es schwirren ihr noch zahlreiche Gedanken mehr im Kopf herum, die es zu ordnen gilt. Das wird sie, unter Anleitung, am Wochenende in Angriff nehmen. Jetzt erst einmal stellt sie sich vor, dass die Kinder bestimmt schon fröhlich vergnügt in den Pool hüpfen und ausgelassen den Sommer genießen. Sie lächelt.

Natürlich vermisst sie ihre beiden Chaoten, aber sie genießt auch die Zeit für sich. So nimmt sie sich den Kaffeebecher und macht es sich auf dem schattigen Teil ihres Balkons gemütlich.

Es dauert auch gar nicht mehr lange, bis sie das erahnte Video erhält: Die Kinder, wie sie fröhlich vergnügt den Pool in Beschlag nehmen. Sie springen und tauchen und juchzen. Ihnen geht es gut. Ob sie dran denken werden sich selbst heute auch noch zu melden? Wahrscheinlich nicht. Wird die Mutter ein wenig traurig darüber sein? Bestimmt. Wird sie es dennoch nachvollziehen können? Absolut!

Anders als geplant verlässt die Mutter ihren schattigen Platz nicht, um eine Radltour zu unternehmen. Ihr ist es in der Sonne zu warm.
Anstatt also den Tag auf dem Fahrrad zu verbringen, sitzt sie weiterhin auf dem Balkon. Sie trinkt Kaffee und Schorle, abends vielleicht ein Bierchen. Jetzt aber widmet sie sich ihrer Steuererklärung. Das Ergebnis der Berechnung amüsiert sie überhaupt nicht, weswegen sie einen weiteren Kaffee holt. Sie hatte beim Amt um eine Fristverlängerung gebeten, eine Rückmeldung liegt noch nicht vor. Dennoch braucht sie eine Pause.

Die könnte sie nutzen, um die Planung eines Reiseberichts zu lesen. Kann sie aber nicht, da sie sich auf Grund falscher Login-Daten selbst aussperrt. Heute ist voll ihr Tag, wie sie feststellt. Daher verzichtet sie darauf, den abendlichen Mini-Ausflug mit dem Fahrrad vorzunehmen und entscheidet sich spontan für einen Spaziergang. Später. Wenn es kühler ist.

Bis dahin erhält sie noch ein weiteres Video ihrer Kinder. Sie werden nicht müde, immer wieder aus dem Pool zu klettern und dann mit einem großen Platsch wieder hinein zu springen. Die großväterlichen Hinweise, nicht ganz so doll zu machen, werden gekonnt ignoriert. So kennt sie ihren Nachwuchs. So liebt sie ihren Nachwuchs.

Nach ihrem Spaziergang, entgegen ihres Plans hat sie auch noch was zu Essen eingekauft, hat es mit dem Reisebericht doch noch geklappt. Sie lächelt, während sie liest, was dort steht. Zumindest ist ihr klar, von wem sie die Begeisterung fürs Schreiben hat.

Das Bier bleibt heute zu, stattdessen gibt es Eis. Das hat sie sich verdient. Für was, weiß sie nicht so genau, macht aber nichts. Anschließend packt sie ihre Sachen und verfolgt die nächsten Stunden den irren süßen Jungen, der auf der Upper Eastside nicht ansatzweise so verrückt war.