Obwohl alle drei ausgeschlafen haben, ist von Nerven nicht mehr viel übrig.

Morgens hält sich die schlechte Laune noch in Grenzen, es wurden sogar Küsschen und Liebesschwüre verteilt und halbwegs freiwillig Kaffee „für die beste Mami der Welt“ gemacht. Im Laufe des Tages wächst die schlechte Laune jedoch immer mehr. Exponentiell, wie es derzeit überall so schön heißt.

Hänsel probiert seine miserable Laune mithilfe von Kicken gegen die Kinderzimmertür im Zaum zu halten, Gretel singt stundenlang, laut und kräftig „Cordula Grün“ und die Mutter versucht, beide(s) zu ignorieren.

Erfolglos.

Nicht einmal unter der Dusche hat sie Ruhe. Die Kinder streiten sich, als wären sie seit dreißig Jahren verheiratet. Während das Mädchen die bereits erledigten Aufgaben des Jungen wieder zunichte macht, tritt der Junge nun statt auf seine Tür auf seine Schwester ein. Die Mutter wünscht sich, einfach mit dem Wasser durch den Abfluss entkommen zu können.

Da es nicht klappt, setzt sie sich, frisch geduscht und gestylt (heute trägt sie Leggins und Kuschelpulli statt Pyjama, woohooooo) an den Tisch und versucht ihre Laune durch Ablenkung in Form von Schreiben und Zeichnen in den Griff zu bekommen. Gar nicht so einfach, wenn ständig Corduulaaaaaaaa Grüüüüün durch die Wohnung getanzt wird.

Danke Radio Teddy, Anzeige wegen Körperverletzung ist raus.

Dazu warten aufs Christkind. Vielmehr auf den DHL-Boten. Denn in weiser Voraussicht hat die Mutter schon vor einiger Zeit einen zweiten Fernseher bestellt, der heute geliefert werden soll (Spoiler: Natürlich kam er nicht.) Der Junge bekommt das Gerät, das er vor vielen Monaten seiner Mutter leihweise zur Verfügung gestellt hatte, endlich wieder zurück.

Natürlich war die Absicht der Mutter ausschließlich redlich und keinesfalls die, dass sie die Kinder zum allabendlichen Kuschelkino ins Kinderzimmer schicken und selber in Ruhe ihre Serie im Wohnzimmer sehen könne.

Schade, dass sich der Junge ausgerechnet heute für die restliche Woche ein Fernsehverbot eingehandelt hat.

Insgeheim wünscht sich die Mutter, dass eines der Kinder, wenn denn zwei Fernsehgeräte im mütterlichen Bereich stehen, das Diskutieren und Aushandeln der hänseligen Strafe anfangen wird. Erfahrungsgemäß wird das Gretel sein; sie ist eine ausgezeichnete Anwältin und hat ihren Bruder schon oft aus prekären Situationen herausgeredet.

Doch noch ist kein zweites Gerät in Sicht (was Gretel aus dem Bett heraus später immer wieder feststellen wird) und Hänsel schmollt in seinem Zimmer, anstatt seine Schulsachen zu erledigen. Alles wie immer. Nur mit Warten auf DHL.

Ob die Kinder merken, dass die Mutter inzwischen den Schokoladenvorrat zunichte gemacht hat? Ob die Kinder merken, wenn die Mutter eine lebensgroße Puppe bestellt und die auf die Couch legt, während sie selber in den Keller zieht? Ob die Kinder merken, wenn die Mutter ihnen Wodka ins Trinken mischt, damit sie einschlafen und die Mutter mal ein paar Stunden für sich hat?

Sie wird jäh aus ihren Gedanken gerissen. Es klingelt an der Wohnungstür. Immer noch kein DHL, sondern die Nachbarin. Mit Atemschutz und ernstem Blick. Eine ihrer Patientinnen ist positiv getestet worden, sie steht nun erst einmal unter Quarantäne. Ob Hänsel für sie einkaufen gehen könnte, wenn ihr etwas ausgeht. Selbst Hänsel vergeht in diesem Moment das Frechsein und die Hilfsbereitschaft, die einen Großteil seines nicht-pubertierenden Charakters ausmacht, kommt zum Vorschein. Er klärt mit ihr die Vorgehensweise. Danach ist auch er erst einmal ruhig. Nachdenklich gehen er und seine Schwester, ohne Fernseher, ins Bett. Die Mutter freut sich auf einen ruhigen Abend, mit Hänsels Fernseher und ihrer Serie.