Kraftlos schaltet die Mutter den Wecker aus. Ein Mal. Ein zweites Mal. Ein drittes Mal. Dann kuschelt sich auch noch Gretel an die heran und macht ein Aufstehen damit quasi unmöglich.

Irgendwann aber tut sie es doch. Sie steht auf und zieht sich an. Anschließend drückt sie den Knopf zum Glück. In dieses Glück füllt sie schlechte Milch hinein, weswegen die Produktion von vorne beginnt. Sie vergisst die Milch und nimmt einen großen Schluck. Mit verbrannte Zunge und dem Geschmack von schwarzem Kaffee ist sie sofort wach.

Gretel kommt zu ihr gekuschelt. Oder zu dem Adventskalender, der direkt neben der Mutter steht. Das Mädchen ist fröhlich und zählt die Tage bis zum ersten Türchen. Die Mutter zählt die Tage bis zum Urlaub.

Ihre Tochter möchte auch zu Ferienbeginn bereits zu Hause bleiben. Musik in den Ohren der Mutter! Nur noch drei Wochen und sie wird drei Wochen lang ausschlafen können.

Den Vorabend spricht sie noch lange mit Hänsel. Effektiv ist es nicht. Ob ihre Gedanken beim Jungen angekommen sind, ist unklar.

Den restlichen Abend verbringt sie mit einer weiteren Idee. Sie hat macht und tut und als sie auf die Uhr sieht, ist es erneut nach Mitternacht. Entsprechend müde ist sie nun.

Der Spaziergang zum Kindergarten und der anschließende Einkauf werden sie sicher wachhalten. Ob sie Hänsel vormittags sehen möchte, weiß sie noch nicht. Die Tendenz geht zu vielen Aufgaben, die er in seinem Zimmer zu erledigen hat. Mathe, Deutsch, Englisch. Schriftlich.

Sie nimmt einen großen Schluck Kaffee und erinnert sich. Auch sie war nicht das Kind, was sich die typischen Eltern so wünschen würden. Auch sie hat Mist gebaut. In dem Rahmen von Hänsel jedoch nicht, da ist sie sich sicher.

Gretel kommt aus dem Bad zurück und reißt ihre Mama so aus deren Gedanken. Fest drückt die kleine die Frau an sich. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg.

Den Tag verbringen Mutter und Sohn sehr ruhig. Sie startet einen weiteren Versuch, mit dem Kind zu reden, sie scheitert erneut. Als sie ihn später anstatt bei seinen Aufgaben am Handy erwischt, ist es für diesen Tag komplett aus. Die Mutter verlässt die Wohnung und würde am liebsten auch so bald nicht mehr zurückkehren.

Muss sie aber. Denn am Abend ist Elternsprechabend. Alle Lehrer, mit denen sie Termine vereinbart hatte, loben den Jungen. Und sie vermissen ihn im Unterricht. Offensichtlich ebenso sehr wie die Mutter ihn wieder dorthin schicken möchte. Alle hoffen auf Montag.

Gretel leidet unter der Laune der Mutter. Sie ist traurig, dass sich die beiden wichtigsten Menschen in ihrem Leben so streiten. Oder eher gar nicht miteinander sprechen.

Plötzlich völlige Irritation. Eine Nachricht, mit der niemand gerechnet hat: Der Vater der Kinder fragt, ob die beiden am Wochenende zu ihm kommen möchten. Die Mutter freut sich insgeheim auf kinderfreie Zeit, viel Schlaf und absolute Ruhe. Bämm, Hänsel möchte nicht. Teilt er dem Vater in einer Sprachnachricht auch mit.

Es folgt die Nachfrage, ob denn Gretel kommen möge. Das Mädchen teilt dem Mann mit, dass sie bei ihrem Bruder sein will, nirgends anders. Und da er, wie er ihm schließlich soeben mitteilte, nicht kommt, wird sie auch nicht kommen. Mit einem „Danke tschüss“ beendet sie die Nachricht. Puh. Was für eine Ansage von so einem niedlichen kleinen Ding.

Wird sich der Vater wohl auch denken, denn eine Reaktion ist ihm seine Tochter offenbar nicht wert. Überrascht ist niemand.

Die Kinder spielen noch ein wenig in ihren Zimmern, bevor sie später ins Bett gehen. Sobald Ruhe eingekehrt ist, wird die Mutter ihre Idee vom Vorabend weiterverfolgen, oder aber ein technisches Problem, das sie schon den ganzen Tag über genervt hat, weiter versuchen zu beheben.

Wenn auch die Idee ist, diesen Tag einmal früher zu beenden und so mehr als fünf Stunden Schlaf zu bekommen, zweifelt die Frau daran, dass sie es umsetzen wird. Sie kann ja am Wochenende schlafen. Wenn die Kinder es zulassen. Die nicht zu ihrem Vater wollen.

Die Mutter öffnet sich das Bier, das sie in den letzten Wochen im Kühlschrank übersehen hat.


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