Alle drei freuen sich, dass sie ausschlafen können. Jeder auf seine Weise. Hänsel etwa ist kaum später wach als sonst, genießt es aber, dass er nicht aufstehen muss.

Gretel schläft etwa eine Stunde länger als sonst und die Mutter ist etwa zur gleichen Zeit wach wie ihre Tochter. Das Mädchen hatte einen Albtraum, weswegen sie Schutz in den Armen ihrer Mama sucht und findet. Beide genießen ebenfalls, nicht aufstehen zu müssen.

Nach ausgiebigem Kuscheln öffnen die Kinder ihre Türchen am Adventskalender. Die Mutter bleibt liegen. Zu ihrer großen Überraschung muss sie ihre Kinder nicht einmal nötigen, ihr einen Kaffee in Gretels Gästebett zu bringen – das tun sie freiwillig und unaufgefordert. Glückselig mit diesem in der Hand sieht sie ihrem Nachwuchs beim Spielen zu.

Es wird ein spannendes Wochenende:
Morgen kommen die Ministerpräsidenten zu einer erneuten Krisensitzung zusammen. Die Stimmen werden bereits in den letzten Tagen lauter, dass sofort gehandelt werden müsse und das Land ab Mittwoch in einen Lockdown versetzt wird. Erste Bundesländer verschärfen im Alleingang ihre Maßnahmen bereits jetzt.

Auch Hänsel kommt bereits am Donnerstag mit einem Schreiben aus der Schule, in dem das Einverständnis der Mutter bezüglich einer etwaigen Videoübertragung im Distanzunterricht abgefragt wird. Offenbar gab es Freitag Unstimmigkeiten, ob Hänsels Klasse sogar in Quarantäne muss. Davon hat aber der Junge nichts mitbekommen. Die Mutter erlangte ihre Erkenntnis erst durch die Information, dass dem nicht so ist.

Gretel allerdings scheint die aktuelle Situation doch mehr zu belasten als sie zu sagen vermag. Sie äußert immer mal wieder Kleinigkeiten, die darauf schließen lassen, dass sich das kluge Mädchen viele Gedanken macht. Daher gibt´s heute eine extra lange Kuscheleinheit. Ob nun tatsächlich nur für Gretel, oder vielleicht auch ein wenig eigennützig seitens der Mutter ist, sei einmal dahingestellt.

Zum Rausgehen, wie sie es eigentlich vorhatten, fehlt allen die Motivation. Der Tracker der Mutter fordert knapp 15.000 Schritte von ihr – ein Durchschnittswert der letzten Tage – aber keiner der drei mag so recht aus.

Hänsel bietet jedoch an, zum Bäcker zu fahren. Das muss reichen an Bewegung. Bevor er geht, befiehlt er der Alexa, den Lieblingssänger der Mutter zu spielen. Dankbar sieht diese ihren Sohn an und lächelt. Glücklich zieht der Junge sich an und holt Frühstück. Oder Mittagessen.

Gemeinsam frühstücken die drei. Ausgelassen plaudern sie und ignorieren die Nachrichten um sich herum. Nur das Ungetüm, das können sie nicht wirklich ignorieren. Daher verschwinden die Kinder schon bald nach dem Essen auch wieder in ihre Zimmer. Die Mutter bleibt, schon wieder, in der heißen Hölle zurück.

Grade als sie schwer am überlegen ist, doch noch die Wohnung zu verlassen, erhält sie das Go für ihre neuestes Projekt. Somit ist auch sie für den Nachmittag beschäftigt. Die Zeit nutzt sie, immer wieder unterbrochen von den Kindern, die ihr erzählen, was in ihrer Geschichte im Moment passiert oder ihr ein Küsschen geben wollen.

Ab Mittwoch wird sie das wohl für einige Wochen rund um die Uhr genießen dürfen. Aber auch darüber denkt sie nicht nach. In ein paar Stunden werden sie es wissen und können sich dann immer noch mental auf die Gegebenheiten vorbereiten: Am Montag Tiefkühlpizza und Sekt kaufen gehen. Sie werden es wissen, wenn sie aufwachen, die Konferenz ist auf 10 Uhr am nächsten Morgen angesetzt.

Jetzt aber gibt es einen Film. Im Pubertierzimmer. Den dürfen die Kinder noch alleine sehen. Abends dann wird die Mutter das Ungetüm für ein paar Stunden ausschalten. Das darf sie und hat sie sich extra für das Wochenende aufgespart. Ob das Film schauen mit der Couch fast direkt unter dem Fernseher allerdings Spaß machen wird, weiß sie noch nicht. Macht aber nichts, es steht noch Sekt kalt.


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