Es ist vier Uhr nachts. Draußen ist es dunkel und ruhig. Kaum ein Auto ist zu hören und auch in der Wohnung ist es still. Lediglich die Stimme des Hörbuchs ist zu vernehmen. Die Mutter kann nicht schlafen. Durch ein Geräusch wurden sie aufgeweckt und nun liegt sie wach in ihrem Bett und versucht zurück in den Schlaf zu finden. Erfolglos. Irgendwann steht sie auf. Sie fährt den Rechner hoch und beginnt zu arbeiten.

Erst deutlich später fällt ihr auf, dass sie noch keinen Kaffee getrunken hat. Schnell holt sie das nach und wirft einen Blick auf die Uhr. Kurz nach sechs Uhr. Draußen ist es immer noch dunkel, jedoch sind nun bereits einige Autos unterwegs. In der Wohnung hingegen ist es weiterhin ruhig. Nur selten hört sie, wie Gretel sich nebenan im mütterlichen Bett in eine andere Position wendet.

Beide Kinder schlafen noch tief und fest. Hänsel wird in weniger als eineinhalb Stunden aufstehen müssen, Unterrichtsbeginn ist heute zur ersten Schulstunde. Gretel darf auch heute, wie inzwischen seit 39 Tagen, ausschlafen. Weitere 23 Male Ausschlafen sind ihr gewiss.

Hänsel muss zwar aufstehen, aber er liebt den Distanzunterricht. Erst eine halbe Stunde vor Schulbeginn muss er aufstehen. Schnell wird in die Jogginghose geschlüpft, bevor er sich mit einer großen Schüssel Müsli seiner Mutter gegenüber gemütlich macht. Meist reden die beiden morgens wenig miteinander, beide genießen das. Erst wenn es auf den Vormittag zugeht. Gretel aufwacht, die Mutter bei ihrem dritten Kaffee und Hänsel etwa bei der vierten Schulstunde ist, ändert sich das. Die zweite Pause nutzen beide Kinder für Sport. Sie springen Trampolin, toben durch das Wohnzimmer und sind fröhlich und ausgelassen. Dass die Mutter sich eventuell noch konzentrieren möchte, zweitrangig.

Sie gibt es den Kindern gegenüber natürlich nicht zu, aber eigentlich genießt auch die Mutter diese zwanzig Minuten. Wenn die Kinder herzhaft lachen, sie immer mal wieder in den Arm nehmen und einfach Spaß haben.
Wenn es nach ihr und Hänsel gehen würde, könnte die Schulsituation so weitergehen. Gretel aber möchte endlich wieder zu ihren Freunden in den Kindergarten. Vielleicht darf sie das. Wenn sie noch mindestens 23 Mal ausgeschlafen hat.

Mittags, Hänsel hat noch Unterricht und die Mutter bereits die doppelte Anzahl der geplanten Lerneinheiten inklusive zugehöriger Prüfungen absolviert, putzt Gretel den Balkon weiter. Fröhlich singend tanzt das Mädchen in der Januar-Sonne und genießt ganz offensichtlich ihr Leben. Wunderbar anzuschauen, ansteckend ist es obendrein.

Nachmittags ist Mädelszeit. Hänsel bricht zu seinem obligatorischen Opa-Date auf, Mutrer und Tochter zu einem Spaziergang am See. Beim anschließenden Abendessen sind die Kinder vollkommen aufgedreht und schubsen ihre Mama mit ihren Spinnereien an den Rand des Wahnsinns.

Ins Wochenende starten sie mit Kuschelkino mit Popcorn. Die Kinder suchen sich einen Film aus, der die Mutter überhaupt nicht interessiert. Sie konzentriert sich darauf, nicht einzuschlafen.


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