Die Mutter kann es kaum fassen. Es ist tatsächlich noch vor Mitternacht, als sie ins Bett geht. Sie kann es ebenfalls nicht fassen, dass beide Kinder noch wach sind. Aber das ist ihr egal, sie kuschelt sich in ihr Bett und wird etwas mehr als sechs Stunden Schlaf bekommen.

Dennoch ist sie müde, als der Wecker klingelt. Sie ist erst richtig wach, als Hänsel behauptet, zur zweiten Stunde im Unterricht sein zu müssen. Was denkt dieser Junge denn? Dass die Mutter nie ein Kind gewesen ist und ihren Eltern derartige Dinge erzählt har, um unliebsamen Situationen wie Schule und Aufräumen aus dem Weg zu gehen? Langsam sieht auch der Junge ein, dass er in seiner Mutter die Meisterin der Prokrastination gefunden hat und ihr alle, wirklich alle Aussagen, Ausreden und Ausflüchte bekannt sind. Er gibt sich geschlagen und loggt sich in den Mathe-Unterricht ein. Griesgrämig.

Seine Laune ist nur kurzzeitig besser, als die drei nachmittags zu einem Spaziergang aufbrechen. Gretel hat ihre meistens-beste-Freundin gefragt, ob sie mitkommen möchte. Dass sie keine Antwort bekommt, stimmt das Mädchen traurig, Hänsel aber freut sich, dass er nur ein kleines Mädchen an der Backe hat.

Doch schon auf dem Heimweg der mittelgroßen Runde ist es vorbei mit guter Stimmung. Er sperrt sich in die Küche ein und bereitet das Abendessen zu. Immer wieder aber rennt er in sein Zimmer und so brennt das Essen an. Die Mutter ist genervt. Sie hat Hunger und anstatt etwas zu Essen zu bekommen, stinkt die gesamte Wohnung verbrannt.

Hänsel selbst möchte nichts essen. Er hat es vergessen, dass er Hunger hatte und sich schon bettfertig gemacht. Die Mutter versteht die Welt nicht mehr. Während er kocht, vergisst das Kind, dass er Hunger hat und putzt sich die Zähne? Oh man, da werden üble Jahre auf die Frau zukommen. Denn sie befürchtet, dass das erst der Anfang ist.

Der Junge, sich keiner Schuld bewusst, hämmert in der Zwischenstand wie wild in seinem Zimmer umher. Was auch immer er da mit der Wand vorhat, weiß die Mutter nicht. Sie schätzt jedoch ein Nagelbett, so wie es sich anhört. Als sie nachschauen geht, wird aus dem Gehämmer ein Gejammer. Sie sei so gemein und er könne mit seinem Zimmer tun und lassen was er wolle. Ja, darf er. Sobald er der Hauptmieter einer Wohnung ist, lautet die kurze und sehr harsche Antwort der aktuellen Hauptmieterin.

Kopfschüttelnd verlässt die Frau die Pubertier-Bühne. Sie kehrt zurück an den Esstisch, an dem Gretel nun schon seit über einer halben Stunde entspannt vor sich hinisst. Das Mädchen lächelt ihre Mama an und nimmt sie fest in den Arm. Schweigend sitzen die beiden noch weitere 25 Minuten am Tisch. Die Mutter sieht so traurig aus, dass die Kleine sie nochmals in den Arm nimmt. Dabei flüstert sie ihrer Mama ein Geheimnis ins Ohr: Wenn man an sich selbst glaubt, Mami, dann schafft man alles.

Die Augen der Frau werden feucht, sie drückt das Kind fest an sich. So viel Lebensfreude, Optimismus und gute Laune auf grade mal einen Meter zwanzig. Nur wenige Meter entfernt toben Wut, Verzweiflung und wahrscheinlich auch ein wenig Langeweile verteilt auf einen Meter vierzig durch den Kinderzimmerbereich.

Das Wochenende steht vor der Tür. Vielleicht weicht während dieser 48 Stunden etwas von der andauernden Müdigkeit aus den Adern der Mutter. Vielleicht aber wird das Drama der letzten Tage auch die nächsten beiden andauern. Wer weiß das schon.


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