Tanja ist kein Workaholic. Sie arbeitet gerne und sie arbeitet viel, aber sie kann auch ihre Freizeit genießen.

Dennoch merkt sie, dass etwas nicht stimmt. Sie ist müde, sie erholt sich nicht mehr so wie sie es gewohnt ist und sie konzentriert sich nicht mehr so gut.

Während sie noch überlegt, woran das liegen kann, empfehlen ihre Freunde, einen Gang herunterzuschalten. Vielleicht auch drei oder vier. Sie wiegelt diese Bedenken ab. Es ist aktuell eine heftige Phase, das wird schon bald wieder.

Der Tag war stressig. Tanja hatte viel zu tun und ist nun auf dem Weg, ihr Kind vom Kindergarten abzuholen. An der roten Ampel bleibt sie stehen, gedankenverloren fährt sie weiter, als diese auf Grün springt. Hinter der Kurve übersieht sie einen parkenden LKW.

Dessen offene Seitenplanke streift ihren Wagen und verursacht einen riesigen Sprung in Windschutz- und Seitenscheibe. Der Spiegel der Beifahrerseite wird ebenfalls in Mitleidenschaft gezogen.

Alles in Allem ein teurer Sachschaden, Tanja selbst ist nichts passiert.

Wie in Trance fährt sie weiter zum Kindergarten. Mit ihrem Kind auf dem Rücksitz kommt sie erneut am LKW vorbei.

Sie bricht in Tränen aus. Was wäre passiert, wenn sie nur fünf Zentimeter weiter rechts gefahren wäre? Wenn ihr Kind mit im Wagen gesessen hätte?

Am nächsten Tag vereinbart sie einen Termin bei ihrem Arzt. Dieser sagt das gleiche, wie ihre Freunde schon seit Wochen: Sie ist überarbeitet. Sie braucht eine Pause. Diese verschreibt er ihr.

Nach fünf Wochen geht Tanja wieder arbeiten. Doch nichts hat sich geändert. Zu dem üblichen Stress kommt nun sogar noch das Erkennen, dass sie mit immer mehr Aufgaben betraut, ihr aber gleichzeitig immer mehr Verantwortung entzogen wird. So ist sie in der Erledigung ihrer Tätigkeit von anderen abhängig, soll aber dafür geradestehen, wenn es nicht klappt.

Zusätzlich werden ihr, ohne Erklärung oder offizielle Ansage, vereinbarte Umstände gestrichen. Erst Wochen später erfährt sie die fadenscheinigen Gründe. Wochen, in denen sie immer wieder vertröstet wurde und niemand ihr eine ehrliche Antwort geben wollte.

Gespräche helfen nicht weiter, Tanja möchte das Unternehmen verlassen.

Auf Grund unvorhersehbarer und nicht beeinflussbarer Gründe ist ein Wechsel im Moment nicht möglich.

Zusätzlich zu der Belastung ihres Jobs kommt nun noch die Unterstellung, sie würde nicht so viel arbeiten, wie sie vorgibt. Auf Nachfrage hat sie die Aussagen in diese Richtung lediglich falsch verstanden.

Tanja ist fassungslos. Obwohl sie lediglich einen Teilzeit-Vertrag hat, gibt sie weiterhin alles. Sie stellt ihren Job über ihr Privatleben – und erhält zum Dank die nächste Watsche.

Tanja bricht zusammen. Sie kann nicht mehr. Und sie will nicht mehr.

Sie reduziert ihre Stunden und sucht angestrengt nach einer neuen Stelle. Doch sie ist müde, unkonzentriert und antriebslos.

Ihre Freunde raten Tanja, sich aus dem Unternehmen zurückzuziehen. Die Arbeit dort tut ihr nicht gut. Sie ist der Prellbock für die Unzulänglichkeiten ihres Chefs.

Erneut wehrt sich Tanja gegen diese Vorgehensweise. Ihr Ziel ist es ein neuer Job, dann wird sie das Unternehmen für immer hinter sich lassen.

Die Willkür ihres Chefs nimmt Überhand. Inzwischen fragen sogar Kollegen schon, seit wann dieses Mobbing betrieben wird.

So hat es Tanja noch gar nicht gesehen. Als aber der dritte Kollege diese Anschuldigung bestätigt, muss auch Tanja es einsehen. Die Arbeit, diese Arbeit, macht sie kaputt.

Eine Routineuntersuchung beim Arzt bestätigt das. Er stellt Tanja ein Attest aus und bittet sie, einmal vollständig herunterzufahren.

Dass das nicht möglich ist, wissen sowohl Tanja als auch der Arzt. Denn Tanja hat Kinder, um die sie sich kümmern muss.

Das Schicksal jedoch sieht es anders.

Erneut ist Tanja auf dem Weg zum Kindergarten, als der Unfall passiert.

Dieses Mal ist sie mit dem Fahrrad unterwegs und es geht nicht so glimpflich aus. Mit dem Rettungswagen wird sie ins Krankenhaus gebracht, die nächsten drei Wochen ist sie nicht in der Lage, sich um Kinder oder Haushalt zu kümmern.

Diese Zeit nutzt sie, um die körperlichen Schäden heilen zu lassen. Schlaf bekommt sie nicht mehr als sonst, doch kann sie sich ausruhen. Ihr Körper kommt tatsächlich zur Ruhe.

Ihre Psyche nicht. Das Büro möchte die ersten Tage viel von ihr wissen, aus dem letzten Ausfall haben sie nichts gelernt. Eine unpersönliche Genesungskarte toppt das Ganze noch.

Jetzt erst merkt Tanja, wie sehr die letzten Monate an ihren Energiereserven gesogen haben. Normalerweise schöpft Tanja aus ihrer Arbeit Kraft. Zu diesem Punkt möchte sie gerne wieder zurückkehren. In diesem Unternehmen wird sie es niemals mehr schaffen. Zu viel ist zerstört. Vor allem Tanja.

Bevor das Schicksal nun beim nächsten Mal noch deutlicher darauf hinweist, wird sie ihr Leben nun ändern. Ein neuer Job wird der erste Schritt sein. Ihr Arzt unterstützt sie dabei.